Womit haben wir das verdient?

Eva Spreitzhofer über die Idee hinter ihrem 2. Film

Die österreichische Culture-Clah-Komödie wurde auf dem Max-Ophüls-Festival gezeigt und zeigt die Geschichte der Wienerin Wanda, deren Teenager Tochter Nina auf einmal beschließt zum Islam zu konvertieren und ab jetzt Kopftuch zu tragen. Was Eva Spreitzhofer zu diesem kontroversen Thema inspiriert hat und wie man sich den Filmdreh vorstellen darf, hat Sie mit uns besprochen.

Frau Spreitzhofer, mit „Womit haben wir das verdient?“ kommt der 2. Film in die Kinos, bei dem Sie Regie geführt haben. Sie haben ja sogar das Buch zum Film geschrieben. Was hat Sie zu dieser Thematik inspiriert?

Wir saßen vor einigen Jahren in einer Runde von Eltern zusammen, unsere Kinder waren gerade am Beginn der Pubertät, und wir haben uns unterhalten, was jetzt alles auf uns zukommen wird. Alle haben die für sie schlimmsten Dinge aufgezählt: Drogen, Schwangerschaft, Schule abbrechen, dass das Kind rechtsradikal werden könnte … Ich hab gesagt, das schlimmste für mich wäre, wenn meine Tochter plötzlich mit Kopftuch vor mir stehen und mir erklären würde, sie ist jetzt voll religiös geworden. Das fanden alle sehr lustig, dass mir Hardcore-Feministin und Atheistin sowas passieren könnte. Und das war der Ausgangspunkt eine Komödie zu machen.

Eva Spreitzhofer // Bild: Brunner Images für Thimmfilm

Das Beste für eine Komödie ist ja bekanntlich, wenn der Protagonistin das Schlimmste passiert, was sie sich vorstellen kann.

Natürlich hat mich das Thema auch politisch interessiert. Als ich 2016 begonnen habe, daran zu arbeiten, war das Thema noch nicht so eskaliert, aber ich hatte den Eindruck, dass sich die Linken oder fortschrittlichen, liberalen Kräfte das Thema von den Rechten hatten aus der Hand nehmen lassen. Dieser Eindruck hat sich während meiner Recherche absolut verfestigt. Das Frauenbild der Rechten deckt sich ja weitgehend mit dem der radikal religiösen Gruppen jeder Religion, während FeministInnen mitunter nicht erkennen wollen, dass das Kopftuch nicht einfach eine Kopfbedeckung ist, sondern ein Zeichen für eine „sittsame, ehrbare, schamhafte“ Frau – ein Frauenbild, das ich für 2019 nicht sehr zeitgemäß finde. 

Sie haben eine tolle Besetzung mit Simon Schwarz, Chantal Zitzenbacher und der gerade zur Schauspielerin des Jahres gekürten Caroline Peters in der Hauptrolle. Wie war die Arbeit am Set für Sie mit allen Beteiligten?

Ich wollte sowohl bei meiner Crew, als auch bei meinem Cast nur Leute, die ihren Job super können und die ich mag. So seltsam das vielleicht klingt, aber da kann jemand noch so toll sein, wenn das menschlich nicht passt, dann will ich das nicht. Drehzeit ist Lebenszeit und die muss man sich gut gestalten.

Caroline Peters war immer meine Wunschbesetzung. Sie ist großartig, ich liebe es, ihr zuzuschauen. Für die Hauptrolle der Wanda wollte ich eine Frau, die eine absolute Komödiantin ist und total wandelbar.

Chantal Zitzenbacher, die Tochter, war auch ein großer Glücksfall, sie ist eine so komödiantische junge Schauspielerin, die ja auch mit all den Kapazundern mithalten musste. Sie hatte einen Coach für all die islamischen Ausdrücke und alle ihre Fragen und hat sich schon in der Vorbereitung total reingesteigert. Simon Schwarz ist ein absoluter Liebling von mir und ich finde, man hat ihn so noch nie gesehen, so erwachsen, so verzweifelt, so lustig. 

Der Film sprüht vor Humor, würden Sie sagen es sei wichtig, mit einem gesellschaftskritischem Thema dieser Art auch mal humorvoll umzugehen?

Das Thema eignet sich am besten für eine Komödie. Es ist viel zu komplex, um es nicht komödiantisch zu erzählen. Es ist doch absurd, dass wir auf einmal ernsthaft wieder dieses Religionsthema auf der Tagesordnung haben. Das haben wir doch eigentlich in den letzten 10 oder 15 Jahren für erledigt gehalten, jedenfalls nach dem Auffliegen der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Jetzt kommt das auf einmal wieder daher und mit so einer Vehemenz. 

Manchmal hab ich überlegt: „Darf ich das so erzählen? Darf ich mich darüber lustig machen?“, und dann hab ich an Monty Pythons Das Leben des Brian gedacht, einen meiner Lieblingsfilme, und dann hab ich’s gemacht. Aber alles, was in meinem Film vorkommt, gibt es in Wirklichkeit, jede einzelne Person, die im Film vorkommt, ist mir auch in Wirklichkeit begegnet, jedes YouTube-Video gibt es, wir haben es nur nachgedreht. Die Realität ist immer lustiger und absurder, als alles, was man sich ausdenken kann.

Wie wären Sie an Wandas Stelle mit der Situation umgegangen?

Wanda hat schon sehr große Ähnlichkeiten mit mir. Ich bin wie sie, auch der Meinung, dass es für alles eine Lösung gibt und ich finde es auch sehr schwer, meine Kinder in Ruhe zu lassen, ihre eigenen Fehler machen zu lassen und mich nicht einzumischen. Die Gratwanderung, die Kinder machen zu lassen und dennoch damit zu konfrontieren, was man selbst davon hält, kenne ich sehr gut. Ich hätte mich wohl sehr ähnlich verhalten, wie Wanda.

Solidarität, Bildung, Feminismus – das ist im Prinzip das Rezept für alles. Ich wehre mich gegen das Argument, dass wir die Frage des Kopftuchs den Muslimen überlassen sollen. Ich setze mich auch dafür ein, dass es Rampen gibt auf Gehsteigen, ohne dass ich im Rollstuhl sitze. Wenn Frauen und Mädchen wie verhüllte Gespenster über die Straßen schleichen, während ihre Männer und Söhne in kurzen Hosen daneben herum spazieren, dann geht es nicht um freie Kleiderwahl. Es gibt bestimmte Dinge, wo eine offene Gesellschaft klar dafür eintreten muss, wofür sie steht. Das sehe ich genauso, wie die Hauptfigur meines Films.

Sie wurden auch auf dem Filmfestival Max-Ophüls-Preis gezeigt und waren selbst vor Ort. Wie waren Ihre Eindrücke vom Festival und die Reaktionen auf den Film?

Die Reaktionen auf den Film sind im Prinzip überall gleich, die ZuseherInnen lachen gleich von Beginn an lauthals. Zwischendurch fragen sie sich, ob es eh okay ist, jetzt zu lachen. Perspektiven verändern sich und was man gerade nachvollziehbar gefunden hat, sieht im nächsten Moment auch schon wieder anders aus. Ich denke, es ist ein Film, der nachhaltig dazu anregt, genauer hinzusehen, wer welche Interessen verfolgt. Das Filmfestival Max-Ophüls-Preis ist ein Festival mit einer unglaublich angenehmen Atmosphäre und Lolas Bistro ist ein großartiger Ort, interessante Leute kennen zu lernen bzw. KollegInnen zu treffen. 

Text: Anna Rissel
Foto: Neue Visionen Filmverleih

Trailer zu „Womit haben wir das verdient?“

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