#GESUNDESEXUALITÄT

Sexuelle Konditionierung

In deiner Sexualität erlebst du die Auswirkungen deiner Gewohnheiten sehr drastisch – und damit meine ich nicht, dass du in einer festen Partnerschaft immer mit der selben Person schläfst. Nein, es reicht viel weiter!

Sexologische Studien zeigen, wie früh Kinder sexuell geprägt werden und wie umfassend die Folgen für das spätere Sexualverhalten und Lustempfinden sind. Das geht bereits los im Babyalter, wo enge Windeln nicht nur mechanisch Erregung erzeugen können, sondern dies auch psychisch mit unterschiedlichen sensorischen Empfindungen verknüpft wird. Es wurde beobachtet, wie Babys durch verschiedene Körperhaltungen extra Druck auf ihren Genitalbereich verstärken und dabei einen entrückten und geradezu ekstatischen Zustand erreichen. Nur werten die Eltern sowas in aller Regel nicht als sexuell. Zu verallgemeinern ist da gar nichts und vorhersehbar auch nicht, jedoch kann dann später eben genau diese Enge und der Druck auf den Genitalbereich zu hoher Erregung führen, wenn zum Beispiel bei langem Sitzen die Hose drückt, Fahrradfahren lustvoll wird oder jemand auf deinem Schoß hockt – oder gerade eben nicht, was dann zur Folge hat, dass du für den Alltag bestimmte enge Unterwäsche bevorzugst und sobald die Genitalien frei und luftig sind Erregung eintritt.

Viel klarer wird das Ganze mit den Gewohnheiten, wenn du dir deine frühe bewusste Auseinandersetzung mit Lust und Erotik anschaust. Erinnere dich, wie es mit der Onanie bei dir losging. In aller Regel musste dies unbemerkt passieren. Wir haben alle(!) Wege gefunden, dies umzusetzen. An laut Atmen oder gar Stöhnen und Schreien beim Orgasmus war gar nicht zu denken. Zudem musste es schnell gehen und es hatte oftmals den Touch von etwas Verruchtem. Ganz zu Schweigen von den ganzen Geschichten über durch Onanie verursachte Blindheit, Unsittlichkeit oder Perversion, die da ausgesprochen oder zwischen den Zeilen bei vielen Familien im Raum standen.

Bei Jungs geht es bei der Masturbation häufig darum, schnell fertig zu werden. Bei Mädchen zeigt sich diese Phase der frühen Erfahrungen mit Sexualität seltener in alltäglichen lustvollen Intermezzi wie bei den Jungs sondern in durch Phantasien begleitete abendliche Berührungen oder solchen in der Badewanne. Hier geht es weniger um das „schnell fertig werden“, als um „bloß leise und still“, damit unbemerkt zu bleiben.

Die meisten von uns haben ihre ersten bewussten sexuellen Erfahrungen also in der Regel in einem Kontext von unbemerkt bleiben müssen, etwas geheimes, vielleicht sogar verbotenes tun und schnell zum Ziel kommen gemacht. Das gilt sowohl für Männer als auch für Frauen. Beide Verhalten zeigen sich heute in typischem Sexualverhalten, sofern du es nicht geschafft hast, dieses Muster irgendwann zu durchbrechen.

So wird offensichtlich, wie wir uns über Jahre selbst konditionieren und uns die Außenwelt mit Normen und dem gehemmten Umgang mit offener Sexualität formt. Das Resultat ist, dass es sich bei Jungs tief einbrennt, dass es bei Sex um ein Ziel geht – den Orgasmus, der mit einem Samenerguss einhergeht. Der Weg dahin ist gewohnheitsmäßig schnell, fordernd und hart. Eine steile Erregungskurve führt zu einem kurzen, schnellen Peak mit einer explosionsartigen Entladung, welche mit schmerzverzerrtem Gesicht und zusammengekniffenen Arschbacken erlebt wird. Schon kurz danach ist alles vorbei – Ziel erst mal erreicht. Bei Mädchen wird durch die Selbstkonditionierung häufig ein Bild von Sexualität geprägt, welches eher passiv, still, in sich gekehrt sowie zurückhaltend ist und hohe Erregung mit einem hohen Grad an Entspannung einhergeht bzw. der Orgasmus im Gegenteil mit hohem Tonus erzwungen werden muss.

Ich empfehle, dir über deine eigenen sexuellen Prägungen klar zu werden und im Solosex anzufangen, einfach mal völlig andere Sachen zu machen. Die Masturbation regelrecht zu zelebrieren und nicht zielgerichtet vorzugehen, sondern einfach der Erregung auf neuen Wegen zu folgen. Rede mit Freunden über deine frühe Zeit der sexuellen Prägung und erforsche die Zusammenhänge mit deinem Sex heute. Und dann mach einfach mal alles Möglich anders.

Dr. Rouven Gehr
ist Paartherapeut sowie Sexological Bodyworker und arbeitet u.a. als Sexualtrainer am Institut für Beziehungsentfaltung in Saarbrücken für das Finden und Begleiten von Wegen zu erfüllten Beziehungen in Partnerschaft, Sexualität und Persönlichkeit.

Text: Dr. Rouven Gehr
Bild: Pablo Heimplatz, Unsplash

www.beziehungs-entfaltung.de
www.facebook.com/beziehungsentfaltung/