Gisela Zimmermann – Impulswechsel

Liebe Gisela, du bist Sozialarbeiterin und arbeitest seit deinem Diplom 1998 auch in diesem Bereich. Was hat dich dazu bewogen, Anfang der 2000er nochmal an die Uni zu gehen, um zusätzlich Kunst zu studieren?

Ich habe schon lange vor dem Studium der Sozialen Arbeit gemalt. Alles zu seiner Zeit!

Was inspiriert dich zu deinen Werken?

Ich male ohne Vorlagen oder Vorbilder, im Allgemeinen auch ohne Skizzen, aus inneren Stimmungen heraus, die eher geprägt sind von der Jahreszeit oder der Musik die ich gerade höre. Wie in der Musik die Improvisation sich vortastet zu einem Thema, so finde ich im Prozess erst den Aufbau, stürze ihn häufig wieder um, und beginne auf den Ruinen von neuem.

Die inneren Welten aus denen heraus ich meine Bilder impulsiv auf die Leinwand bringe, sind geprägt von äußeren Welten, von sichtbaren, von hörbaren, und spiegeln diese wieder. Die Gesamtheit der Eindrücke hinterlässt innere Bilder, Atmosphären, Geschichten.

Wie lässt sich deine Kunst kurz und knapp zusammenfassen?

Zu dieser Frage passt eines meiner Lieblingszitate:

„…du malst wie du malen musst, um zu geben, das heißt du gibst dein Leben hinein, und einer wird sich das Werk anschauen und sagen, es sei aus dem Kopf heraus gemacht, doch es hat nichts mit dem Kopf zu tun, sondern damit, dass man etwas gibt. Die ganze Frage der Bewusstheit ist schon von Natur aus der falsche Ansatz. Am Ende überrascht die Wirkung dessen, was du gegeben hast, dich selbst so wie jeden anderen.“ – Franz Kline

Du arbeitest mit ganz unterschiedlichen Farben und Materialien und bringst diese zusammen zu einem Kunstwerk. Warum? Was fasziniert dich daran?

Komplexe Bildräume wachsen durch das Stapeln von diversen Ebenen. Die Farben und Materialien sind dabei Mittel zum Zweck und ich habe das Gefühl, dass die Palette der Möglichkeiten unendlich ist. Auch das Sprayen ergibt ganz neue Möglichkeiten im Malprozess. Die Künstlerin Katharina Grosse beschreibt dies gut:

„Das Sprayen lässt Zugriffe zu, die unmittelbar aus dem Sehen kommen, während das Malen von Linien mit dem Pinsel stark aus der Körperbewegung entwickelt wird. Die Bewegung mit dem Auge ist der Bewegung mit der Spraypistole viel verbundener. Man bewegt sich von der vom Körper bestimmten Maßstäblichkeit weg.“ Katharina Grosse

Das Verhalten des Materials fordert zu Reaktionen auf, die dem Bildgeschehen immer wieder neue Wendungen geben. Stimmungsmuster verdichten sich, das Unsichtbare bedingt das Sichtbare. Der zuerst impulsive Charakter der Bildentstehung erfordert dann aber auch kalkulierte Eingriffe.

Mich fasziniert selbst, was im Prozess entsteht. Der Malakt vollzieht sich in einem Dialog mit dem Material, der eigentlich ewig fortgeführt werden könnte. Tatsächlich ist es immer wieder eine Herausforderung ein Bild für fertig zu halten.

„Malerei heißt für mich, die Oberfläche der Leinwand Stück für Stück zu erobern, mich darin zu verlieren[…] [Bei dem großen Format der Gemälde] geht [es] mir darum, in die Bilder hineingezogen zu werden und körperlich in Ihnen verloren zu gehen.“ – Peter Doig

Vielen Dank für das Interview. Wir freuen uns schon sehr auf die Ausstellung mit dir!

Bioghrafische Daten:

Gisela Zimmermann studierte von 2004 bis 2009 an der Hochschule der Bildenden Künste Saar, wurde anschließend zur Meisterschülerin von Prof. Gabriele Langendorf und war mit ihren Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen vertreten. 2011 war sie für den Kunstpreis Robert Schuman nominiert, 2016 wurde sie mit dem Walter Bernstein Kunstpreis ausgezeichnet.

In den vergangenen Jahren ist die Künstlerin auch mit soziokulturellen Projekten in Erscheinung getreten. 2010 gründete sie gemeinsam mit Rûken Tosun und Thomas Langhammer mit label m eine Werkstatt für Jugendkultur, die sich engagiert für Kulturprojekte mit Jugendlichen einsetzt. Gisela Zimmermann erhielt als Mitglied des Kollektivs Zimmermann-Tosun-Langhammer den Kulturpreis für Kunst 2016 des Regionalverbandes Saarbrücken. 2017 wurde label m mit dem hoch dotierten Integrationspreis „the Power of the arts“ ausgezeichnet.

Im November vergangenen Jahres stellte label m mit überragendem Erfolg den Film „Crossover Folster 117“ im Saarbrücker Filmhaus vor, das jüngste Projekt einer Film-Trilogie von und mit Jugendlichen, die ihr Stadtquartier porträtieren.

Interview: KuBa | Bild: Gisela Zimmermann