Melanie Pollmann – Schauspieldramaturgin am Pfalztheater Kaiserslautern

Corona und das Theater. Keine gute und vor allem keine sichere Kombination. Seit dem ersten Lockdown im März hat es auch dem Kultursektor hart getroffen. Im September, 7 Monate später, hat die neue Spielzeit, die erste mit Corona, angefangen. Ich habe mich deshalb mit Melanie Pollmann, Schauspieldramaturgin am Pfalztheater Kaiserslautern getroffen, um mit ihr über die jetzige Situation des Theaters, den Weg zurück und das Stück „Odyssee“, welches im Oktober am Pfalztheater Premiere feierte, zu unterhalten.

Liebe Melanie Pollmann, die neue Spielzeit ist da und wie wahrscheinlich überall auch, glich die Organisation ganz sicherlich einer einzigartigen Odyssee. Wie geht es Ihnen damit und wie war der Planungsprozess mit Lock Down, Physical Distancing und einer Umgestaltung von Theater?

Zum Schutz der Mitarbeiter*innen hat unser Träger, der Bezirksverband Pfalz, das Pfalztheater und alle anderen Institutionen in seiner Trägerschaft, bei denen das möglich war, komplett heruntergefahren. Das heißt, dass wir alle zuhause saßen und das Gebäude nur sehr vereinzelt und nur von sehr wenigen betreten werden konnte – dunkle Korridore, an deren Ende vielleicht Licht unter der Tür durchfällt. Da ist man an manchen Tagen schon froh, wenn man stattdessen in seiner hellen, gemütlichen Wohnung bleiben kann (lacht). Aber das war schon eine sehr eigenartige Situation, denn das, was man als Homeoffice bezeichnet, umfasst nun einmal nicht den Kern meiner Arbeit. Kern und Ziel meiner Arbeit ist immer die Bühne, die Vorstellung. Und die gab es auf unbestimmte Zeit nicht mehr. Umso größer war die Herausforderung, eine Spielzeit, die eigentlich schon fertig geplant war, komplett umzustrukturieren – und das ohne die Sicherheit, wie die Lage in 2 – 3 Monaten sein würde. Geschweige denn in 6 Monaten. Kennen Sie das Brettspiel „Das verrückte Labyrinth“? Genau so habe ich mich ziemlich häufig gefühlt. Kaum verschiebt man einen Parameter, verändert sich alles und man muss einen neuen Weg finden. Im Laufe der Wochen ist da bei vielen Kolleg*innen eine Menge Frust aufgelaufen. Auch Angst, natürlich. Und gleichzeitig ist mit manchen Kolleg*innen, mit denen ich in direktem Kontakt während des Shutdowns stand, eine andere Verbundenheit entstanden, innerhalb meiner eigenen Abteilung und darüber hinaus. Ganz am Anfang, als klar war, dass wir unseren Spielplan nicht so realisieren können wie gedacht und wir alles umwälzen mussten, hat der Intendant des Pfalztheaters, Urs Häberli, uns (Dramaturgie und künstlerische Spartenleitungen) gebeten, alles daran zu setzen, in unserem neuen Spielplan möglichst viele der externen Kolleg*innen zu bedenken. Und wer in dieser Spielzeit nicht unterkomme, der käme aber dann in der folgenden. Das war seine klare Aufgabenstellung an uns. Und das finde ich nach wie vor unglaublich respektabel. Wie schnell die Situation für unsere freien Kolleg*innen (Schauspieler*innen, Tänzer*innen, Bühnenbildner*innen, Sänger*innen etc.) existenzbedrohend wird, sehen wir nun überall. Der gesamte kulturelle Sektor steht vor einer enormen Herausforderung. Und ich möchte nicht sagen, dass man sich andernorts schnell und einfach aus Verträgen gelöst hat oder sich vor Ausfallzahlungen gedrückt hat, aber ein so klares, solidarisches Bekenntnis zu den externen Kolleg*innen habe ich an keiner anderen Stelle gehört. Und nun sind wir zurück im Pfalztheater und ich glaube, da auch für viele meiner Kolleg*innen sprechen zu können, wahnsinnig froh, wie ein Stückchen „Normalität“ zurück zu haben. Auch wenn der Alltag immer noch neue Herausforderungen parat hat und nicht jeder Tag so leicht fällt wie ein anderer.

Die Odyssee“ von Homer feierte am 16. Oktober am Pfalztheater Premiere. Sie führten Dramaturgie bei dem von Roland Schimmelpfennig neuverfassten Stück. Die Frage, die sich durch das Stück zieht, ist „Wohin kann manzurückkehren?“. Eine Frage die wir uns momentan täglich stellen können. Wohin wollen Sie gerne zurückkehren, sobald die Pandemie überwunden ist?

(lacht) Ohne unnötig kulturpessimistisch zu wirken: Ich glaube, dass man niemals irgendwohin „zurück“ kehren kann. Man selbst hat sich verändert und die Umgebung, in die man „zurückkehrt“ auch. Aber ein Satz, der sich durch Roland Schimmelpfennigs Stück wie ein Refrain zieht, ist: „Wohin, wohin brechen wir auf, nach dem, was hier geschehen ist?“ Da gefällt mir der Gedanke „Aufbruch“ sehr viel mehr als „Rückkehr“.
Und wohin ich aufbrechen möchte (oder zurückkehren) möchte nach der Pandemie? Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Wenn ich ehrlich bin, fehlen mir meine Freund*innen, die nicht in Kaiserslautern leben. Und meine Familie, die ich viel zu selten sehe. Das ist aber nicht durch die Pandemie verursacht, sondern das ist irgendwie immer so, wenn man am Theater arbeitet.
Und nichts, was diese Pandemie verursacht hat, bedroht mich gerade in meiner Existenz, weder finanziell noch psychisch noch physisch. Das ist ein großes Glück, denn welche konkreten Auswirkungen die Pandemie hat, kann man nicht nur im kulturellen Sektor Deutschlands sehen, sondern auch in Ländern wie Griechenland, Indien, Jemen … (in unterschiedlichen Ausformungen) – da verbietet sich für mich alles Jammern wie „Ich will jetzt aber mal wieder so richtig schön in den Urlaub fahren können!“ von Vornherein.

Schimmelpfennig hat mit seiner Version des Textes das Stück in unsere Zeit überführt. Statt in mehrere Geliebte, verliebt sich Penelope, die Ehefrau von Homer, während seiner Abwesenheit in einen Lehrer und versucht sich ihre Einsamkeit mit ihm und seinen Geschichten zu vertreiben. Wie wichtig ist die Rolle der Frau für das Stück und für die Frage selbst?

Bei Homer bleibt Penelope, die Ehefrau Odysseus‘, ja standhaft treu. Sie denkt sich wegen der ganzen Freier in ihrem Haus diese List aus, sich erst für einen von ihnen als neuen Ehemann entscheiden zu wollen, wenn sie ein Totentuch für ihren Schwiegervater Laertes fertig gewebt habe – was sie tagsüber auch tut, nur um es nachts dann wieder aufzutrennen. Damit beweist sie in der antiken Odyssee natürlich Charakterstärke. Aber auch einen ungemeinen Hang zum Konservatismus („mein Mann ist der König, auch wenn der seit 19 Jahren nicht hier war. Und basta.“). Da fragt man sich schon, ob dieses Ausharren eine wirklich clevere Idee von ihr ist. In der Tat kann man davon ausgehen, dass die „Odyssee“ in der Antike ganz anders gelesen wurde als von uns heute. Zeichen bedeuteten andere Zeichen, insofern weiß ich nicht, ob dieses Bild von Penelope deckungsgleich mit dem ist, was Homer vorschwebte.
Aber das, was uns von dieser Frauenfigur transportiert wird, ist die übliche Trias: „Wahnsinnig schön, ihrem Ehemanne treu ergeben und keusch“. Und ehrlich gesagt: Das ist unglaublicher Quatsch, der niemanden irgendwohin bringt, außer ins Unglück.
Die Penelope bei Roland Schimmelpfennig beginnt eine Liebe mit dem Lehrer, weil er so ganz anders ist als Odysseus. Kein Krieger. Ein Kleinwagen. Altmodische Unterhosen, wie sie Odysseus niemals tragen würde, noch nicht einmal vor dem Krieg. Schütteres Haar. Und manchmal, wenn sie mit ihm schläft, denkt sie an den makellosen Körper ihres Ehemannes. Tja. Und genau das finde ich sehr viel aufrichtiger als Entwurf einer Liebe. Manchmal liebt man das Gegenteil dessen, was man vermisst. Manchmal liebt man seinen abwesenden Ehemann, weil es Jahre voller Liebe mit ihm gegeben hat und gleichzeitig liebt man diesen anwesenden Lehrer, weil er die Geschichten zum abwesenden Ehemann liefert. Quasi den Soundtrack. Und beides ist echt und aufrichtig. Das mag ich an dem Stück von Roland Schimmelpfennig sehr.

Wohin kann das Theater zurückkehren? Sehen Sie Potenziale, die die Theaterinstitution durch Corona sammeln konnte? Wie wird sich das Theater weiterentwickeln müssen?

Ich tue mich schwer damit, generelle Aussagen über „das Theater“ zu treffen. Ich habe keine Ahnung, wohin das Theater zurückkehren kann oder wohin wir aufbrechen können. Ich weiß für mich, dass ich irgendwann während des Shutdowns ein Gefühl wie Heimweh hatte, als ich Fotos von unserer letzten Vorstellung „Der Handlungsreisende“ vor der Schließung gesehen habe. Insofern glaube ich, dass ich noch eine Weile im Theater bleiben werde, denn das scheint ja erst einmal für mich der richtige Ort zu sein.
In den letzten Jahren hat sich im System „Theater“ sehr viel bewegt, was zuallererst „Ensemble-Netzwerk e.V.“ und allen daraus entstandenen Initiativen zu verdanken ist, sowie dem Deutschen Bühnenverein, der sich der Kommunikation geöffnet hat.
Das heißt nicht, dass nun alle Schäden beseitigt sind und es nur noch schön ist im deutschen Theater. Diskriminierung, Machtmissbrauch, Sexismus etc. gibt es immer noch und diese -ismen müssen immer noch abgeschafft werden, weil, wie ich finde, -ismen ganz selten der Schlüssel zum Glück sind (lacht).
Aber ernsthaft: Ich habe für mich vor einiger Zeit entschieden, meine Arbeitskraft nicht den bekannten Sexisten, Cholerikern, Machtmenschen zur Verfügung zu stellen. Und ich möchte weiter daran arbeiten, Mündigkeit als Arbeitsform im System zu verankern. Theater als offenes, selbstorganisiertes und vor allem lernendes System finde ich für mich sehr erstrebenswert.

Interview: Antonia Weber | Bild: Privat

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