vandermeer – Ohne Engagement kommt man nicht weiter

vandermeer aus Trier meldeten sich gerade mit ihrem Album „panique automatique“ zurück. Wir sprachen mit Sängerin Harmke van der Meer und Gitarrist Florian P. Stiefel.

Harmke, Harmke van der Meer ist nicht Dein Künstlername. Ist folglich vandermeer Deine Band oder sind alle gleichberechtigt?

Harmke: Ja, ich heiße wirklich so. Ich komme aus den Niederlanden, und dort ist der Name sehr verbreitet – ähnlich wie Müller in Deutschland. Eigentlich war ich damals dagegen, dass wir die Band so nennen. Aber die Jungs haben mich überstimmt. Also ist vandermeer nicht meine Band, ich bin nicht die Diktatorin, die sagt, was alle zu machen haben. Wir sind eine durch und durch basisdemokratische Band. Selbstverständlich sind alle gleichberechtigt. Egal welche Entscheidung ansteht, wenn sich nur einer mit einer Sache nicht wohlfühlt, canceln wir es.

Wie erleichtert seid ihr, dass Ihr nach der vielen Arbeit endlich Euer neues Album in den Händen hält?

Florian: Natürlich sind wir sehr erleichtert und freuen uns wie Bolle. Wir haben bis auf das Mastering und den Feinschliff beim Cover-Artwork alles DIY-mäßig gemacht. Und da steckt viel Herzblut und Arbeit drin.

Am meisten freuen wir uns, dass wir das Album auf Vinyl rausbringen. Als Plattensammler war uns das besonders wichtig. Der Moment, wenn man die eigene Musik als Vinylscheibe in den Händen hält, ist schon ziemlich geil. Wir sind da noch so ein bisschen oldschool unterwegs. Die Haptik ist uns wichtig. Man muss was in den Händen halten können, während man sich die Musik anhört.

Gedanklich sind wir aber schon beim nächsten Album, denn nach der Platte ist vor der Platte! Genügend Songmaterial haben wir schon. Jetzt geht es aber zunächst darum, mit dieser Platte für den Herbst eine kleine Tour zu organisieren. Ohne eine Veröffentlichung und den Besprechungen kriegste das Booking einfach nicht gebacken.

Könnt ihr verraten, wie viel Arbeit in so einem Album steckt? Wann sind die ersten Songideen entstanden?

Florian: Es ist viel Arbeit, die aber Spaß macht. Die ersten Songideen entstanden vor drei oder vier Jahren. Was das Songwriting betrifft, haben wir eine ziemlich heterogene Arbeitsweise. Manche Songs entstehen im Proberaum, andere zu Hause vor dem Rechner. Wiederum andere waren anfangs nur Songs mit Akustikgitarre und Gesang.

Wenn jemand eine Idee hat, nimmt er diese auf die Schnelle zu Hause auf und in der nächsten Probe wird daran gebastelt. Zudem schneiden wir jede Probe mit. Da sammelt sich so einiges an, was wir in einem gemeinsamen Dropbox-Ordner ablegen. Jeder von uns hört sich das an, und macht sich darüber Gedanken, was man besser machen kann. Wenn wir genug Material zusammen haben, sieben wir aus, was auf die Platte kommt.

Dann kommt der Recording-Wahnsinn. Hier haben wir das Glück, dass Jo, unser Bassist, sich über die Jahre da reingearbeitet hat und so ziemlich den Plan davon hat. Er übernahm die Produktion. Die Basics – Gitarre, Bass und Schlagzeug – nahmen wir in Trier im Exhaus auf. Den Gesang bei mir im Schlafzimmer. Eingesungen wurde gegen meinen Kleiderschrank. Der dämpfte schön ab. Dann ging es ans Mixing. Jo schickte die Mixe rund und jeder gab seinen Senf dazu, bis es passte. Das Mastering haben wir abgegeben. Nebenher spielten wir Konzerte, um das Budget zusammenzukratzen: für das Presswerk, die GEMA-Anmeldung und so weiter. Dann stand die Büroarbeit an: Bandinfo, Grafiken, Cover- und Poster-Artwork, Labelsuche, Telefonate, Merchandising und so weiter. Außerdem muss man ja auch noch die Social-Media-Kanäle bedienen und ständig was posten. Man muss im Gespräch bleiben.

Zum Glück konnten wir Kai Florian Becker und sein Label Barhill Records für uns gewinnen. Er nimmt uns viel Arbeit ab. Wir schreiben uns fast täglich. Die Kooperation macht extrem viel Spaß.

Ansonsten verschickt man CDs, um sich überall für Konzerte zu bewerben und Besprechungen abzustauben. Mit minimalem Budget versucht man, das Bestmögliche rauszuholen, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Alles in allem: Ja, es ist viel Arbeit, was manchmal neben Job, Freunde, Familie und dem Netflix-Abo nicht so einfach ist. Aber man macht es trotzdem, weil man Musiker ist und es einfach dazugehört. Nur so funktioniert das. Wenn man live spielen möchte, muss man dafür Zeit, Geduld und Geld investieren. Ohne Engagement kommt man da nicht weiter.

Mit welchen Erwartungen geht Ihr an die Veröffentlichung des Albums ran? Der Musikmarkt ist hart umkämpft und Streaming hat die Albumverkäufe sinken lassen.

Florian: Wir sind da realistisch: Das Minimalziel ist es, Null auf Null rauszukommen. Das was kohlemäßig reinkommt, wird in die nächste Platte investiert. Und ja, Streaming macht da so Einiges kaputt. Von dem, was bei Spotify und Co. übrigbleibt, kann sich, wenn es gut läuft, jedes Bandmitglied im Monat ein halbes Bällchen Eis gönnen. So ist das halt. Aber Jammern zählt nicht. Es bringt ja nix, immer zu sagen, früher war alles besser. Die Arbeit war damals die Gleiche und der Musikmarkt war schon immer hart umkämpft. Und ja, es ist ärgerlich, wenn ein Song von dir auf einem hiesigen Video-Social-Media-Kanal hochgeladen wird, und dann noch Werbung davor geschaltet wird und andere mit deinem Inhalt, in den du viel Arbeit reingesteckt hast, Geld verdienen. Das Ganze wird ja aktuell bis aufs Messer im Zuge des EU-Urheberrechtsreform diskutiert. Das Gegenargument ist dann immer diese Zensur-Keule. Freiheit für das Internet und so. Darum geht es aber nicht; ein Influencer beispielsweise betreibt seinen Kanal ja nicht nur fürs Karma. Wenn er mit den Inhalten anderer Geld verdienen will, sollte er auch für deren Inhalte blechen. Die Freiheit, das zu tun, was er will, hat der dann doch immer noch. Freiheit heißt doch nicht, dass alles für umme sein muss. Denn die ganze Produktion fürs Musikmachen kostet nun mal auch was. Durch die wegfallenden Einnahmen, fehlt den Musikern die Freiheit, wenn sie alleine darauf angewiesen sind, Geld in ihre Kunst zu investieren. Da verschwimmen so ein paar Argumente. Das Ganze ist aber ein weites Feld, und man könnte stundenlang darüber streiten.

Wir als kleine Band haben auf diese ganze Internet- und Streamingsache eh keinen großen Einfluss. Wir hoffen darauf, auf unseren Konzerten viele Platten und CDs zu verkaufen. Trotz Algorithmen und Playlists gibt es immer noch Leute, die Alben hören wollen und dafür Geld ausgeben. Wir nutzen ja auch diese Kanäle, um Musik zu entdecken. Wenn uns was gefällt, kaufen wir die Platte. Und wir sind nicht die Einzigen. Das wird auch eine Zeitlang noch so bleiben. Vorerst.

Auf Euren sozialen Kanälen konnte man Schnipsel von Eurem Videodreh zu dem Song „Only Two Hearts“ sehen. Welche Idee steckt hinter dem Videoclip? Immerhin war der Dreh mit zwei Tagen recht aufwändig.

Harmke: Ja, der war anstrengend, aber wir hatten sehr viel Spaß. Wir alle waren wieder 12 Jahre alt und haben jede Menge Blödsinn gemacht. Der Videoclip besteht jedoch nicht nur aus dem Zwei-Tages-Dreh. Da steckt letztlich in der Bearbeitung und dem Schnitt noch viel mehr Arbeit drin.

Ein Freund von uns, Christian Klees, hat sich mächtig ins Zeug gelegt und uns mit seinen Ideen, seinem Video-Know-How und der Umsetzung tatkräftig unterstützt. Und dann haben noch ein paar weitere Freunde mit angepackt. Der Grundgedanke war, dass der DIY-Aspekt rüberkommen muss. Der Low-Budget- und Trash-Faktor sind dementsprechend bewusst hoch, aber jetzt nicht zu übertrieben. Lasst Euch überraschen, wir wollen da jetzt nicht so viel verraten.

Euch als Band aus Trier muss ich das fragen: Wie seht Ihr die jüngsten Entwicklungen in Sachen Exhaus? Wie wird sich das auf die lokale Szene auswirken?

Florian: Die Schließung des Exhauses war ein Schock. Es ist zum Kotzen, zum Heulen… Wie alle in Trier sind wir wie gelähmt. Dabei sah es in den letzten Monaten so aus, als sei die Krise überwunden. Die Bau- und Sanierungsmaßnahmen liefen an und sollten im Sommer abgeschlossen sein. Und jetzt das: tragende Bauteile sind in einem maroden Zustand. Das ist ein Schlag in die Fresse.

Zum Glück gibt es in Trier eine hohe Solidaritätswelle. Andere Locations springen ein und helfen dem Exzellenzhaus-Verein zunächst, damit bereits geplante Konzerte stattfinden können. Trotzdem ist es eine unfassbar traurige Situation. Das Exhaus war nicht nur popkulturell für alle Nischenkulturen in Trier und Umgebung elementar wichtig: Jugendarbeit, Streetwork und vieles mehr. Mit ultraviel Engagement hat man über die Jahre hinweg Vollgas gegeben. Dass das jetzt fünf oder sechs Jahre nicht mehr funktionieren kann, ist eine Schande und für die lokale Musikszene eine Katastrophe. Das Haus in der Zurmaienerstraße war ein Treffpunkt für alle Musiker. Sei es auf Konzerten, auf denen sie selbst spielen, oder sonstige. Jetzt heißt es abwarten, dass die Stadt und das Land Geld für eine Komplettsanierung aufbringen können. Hoffentlich entstehen da jetzt keine Luxuswohnungen oder so ein Scheiß. Und es bleibt zu hoffen, dass der Verein das Ganze überlebt. Wir können uns eine Zukunft ohne das Exhaus in Trier überhaupt nicht vorstellen. Und da sind wir wirklich nicht die Einzigen.

Harmke: Die ganze Sache macht uns fassungslos.

Text: Markus Brixius Foto: Eta Carinae Photography

Album: vandermeer „panique automatique“ (Barhill Records/Cargo Records)

www.barhillrecords.de www.thisisvandermeer.com