Arnd Zeigler – Die üblichen Verdächtigen

Anlässlich der bevorstehenden Fußball-EM sprachen wir mit dem Fußballexperten und langjährigen SV Werder Bremen-Fan Arnd Zeigler, u.a. bekannt aus seiner TV Show „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“ (WDR).

Das vollständige Interview als Podcast:

Arnd, wer ist in diesem Jahr Dein großer Favorit auf den EM-Titel?

Also Deutschland schon mal nicht. Ich würde wieder bei Frankreich landen. Wobei ich sagen muss, dass ich den Nationalelf-Fußball nicht annähernd so emotional empfinde wie den meines Vereins. Ich schaue mir das zwar alles an, ich würde mir aber nie Urlaub nehmen, um drei Freundschaftsländerspiele zu schauen. Das ist nicht annähernd so eine Herzensangelegenheit. Von daher ist das Thema schwierig. Ich habe auch nicht so viele Länderspiele von anderen Nationen gesehen. Aber ich würde vermuten, dass Frankreich eine Rolle bei der EM spielen wird. Ich glaube auch, dass England derzeit eine ganz gute Mannschaft hat. Italien könnte auch mitspielen, Spanien sowieso. Es sind die üblichen Verdächtigen. Wobei ich bemerke, dass ich mich für diese EM weit weniger interessiere als für eine, die in einem Land stattfindet und wo man etwas über das Gastgeberland und dessen Eigenarten erfährt. Ich finde den EM-Modus sehr unschön. Es ist selten, aber momentan gibt es meinerseits fast gar keine Vorfreude. Das geht bei der WM in Katar auch gleich so weiter. Im Moment ist es diesbezüglich eine schwierige Zeit.

Zu dem von Dir angesprochenen Modus muss man sagen, dass die EM-Spiele in diesem Jahr in zwölf Städten in Europa und Asien ausgetragen werden. Eine völlig absurde Idee, oder?

Ja. Ich finde man merkt immer, wenn eine Idee eher dem Marketing entspringt und nicht aus sportlichen Gründen. Das hatten wir früher ja schon einmal, als es in der Champions League diese unsinnige Zwischenrunde gab. Nach den Gruppenspielen gab es nochmal eine Gruppenrunde, wo du dich fragtest: Warum? Man hat das Gefühl, es werden so viele vermarktbare Spiele wie möglich in einen Wettbewerb reingestopft. Solche Ideen gehen oft am Fußball vorbei. So ist die EM in verschiedenen Ländern ja auch nicht als ganz toller Akt der Völkerverständigung gemeint, sondern eine reine Vermarktungsgeschichte. Für mich hat das nicht viel mit einem großen Turnier zu tun. Von daher fremdle ich noch sehr mit diesem EM-Turnier.

Und dann sind es auch 51 Spiele mit erneut 24 Teams statt wie früher 16 Teams. Ein Wahnsinn, das Turnier so aufzuplustern.

Die Kuh wird gemolken bis zum Schluss. Das sieht man ja auch in den heimischen Ligen: Es ist als Spieler gar nicht möglich, im Jahr 60 oder 70 Spiele zu absolvieren und immer gut zu sein. Das geht alles zu Lasten der Qualität, und das werden wir auch noch bemerken: Dass die Nationalspieler auf dem Zahnfleisch von dieser EM nach Hause kommen werden. Es gibt viele kleine Faktoren, die man beachten muss und wo man befürchten muss, dass sie keine positiven Effekte haben.

Welchem Underdog würdest Du den EM-Titel wünschen? Bei mir wäre das immer Schottland, die sich allerdings meist nicht für ein Turnier qualifizieren.

(lacht) Schottland ist natürlich eine exotische Wahl und für mich der Inbegriff einer Mannschaft, die man mag, die aber nichts gebacken kriegt. Ich bin ein großer Fan von Skandinavien und der dortigen Lebensart. Ich könnte mir gut vorstellen, dass plötzlich Dänemark oder Finnland oder auch Schweden mal weiter kommen. Wenn die überhaupt alle dabei sind…

Ja, sind sie. Aber selbst wenn die Dänen im Urlaub wären und für ein Team nachrücken sollen, sie könnten wieder aus dem Urlaub zusammengerufen werden und die EM gewinnen…

Genau, das ist ja auch schon passiert. Wir freuen uns aber drauf, wenn wieder so etwas wie bei der letzten EM mit Finnland passiert. Man weiß ja vorher nicht, wer einen überrascht. Ich würde mich aber freuen, wenn es wieder ein Team wie Finnland gibt und dass es eben nicht wieder die üblichen Verdächtigen sind. Das ist auch genau das, was mich an der Champions League abturnt. Es stehen ja fast immer dieselben acht Mannschaften im Viertelfinale.

Text: Kai Florian Becker Bilder: WDR, Max Hartmann