MiA. – Das Alte und das Neue

Im März erschien mit „Limbo“ ihr mittlerweile siebtes Album in der 23jährigen Bandgeschichte. Eine musikalische Standortbestimmung der besonderen Art, die aufgrund zahlreicher Veränderungen ihre Zeit brauchte. Zusammen mit Sängerin Mieze und ihren drei männlichen Mitstreitern Andy, Gunnar und Robert begeben wir uns auf Spurensuche.

Inwiefern hat die aktuelle Corona-Krise auch MiA. betroffen, als Privatpersonen und als Künstler? Was hat euch am meisten Probleme bereitet?

Als erstes sind wir unabhängig von unserem Job genauso wie jede*r andere auch, als Eltern, als Kinder und Enkelkinder von dieser Krise betroffen. Wir sorgen uns um Angehörige und versuchen im Rahmen unserer Möglichkeiten für unsere Familien, Freunde und Nachbarn da zu sein. Mal ist da Überforderung und Frust, aber auch ungewisse Zuversicht kommt hin und wieder zum Vorschein. Insgesamt sind wir der Meinung, dass wir diese Krise kollektiv und nur mit Respekt, Verantwortungsbewusstsein und Solidarität gegenüber den Schwachen in unserer Gesellschaft überstehen. Es geht darum einen Hashtag wie #leavenoonebehind in unseren Alltag zu überführen. Die Veröffentlichung unseres Albums „Limbo“ am 27.03. wurde von Corona voll erwischt. Wir haben ein paar Wochen vorher darüber diskutiert, die Veröffentlichung zu verschieben, fühlten uns damit aber trotz aller unguten Vorahnungen extrem unwohl. Dass wir unser Album, an welchem wir fast zwei Jahre intensiv gearbeitet haben, weder gebührend feiern, noch promoten, bewerben oder live aufführen können, war uns Anfang März noch nicht bewusst. Wir konnten auch nicht ahnen, dass es zunächst auch nicht möglich sein wird, dieses Album in physischer Form zu erhalten. Die Arbeit im großen Tonträger-Zentrallager in Atton (F) wurde ab Mitte März vom Lockdown gestoppt. Alle vorbestellten Exemplare waren bis Ende April eingeschlossen und online Bestellungen waren unmöglich. Wir hatten mit dem neuen Album im Gepäck etwa 50-60 Konzerte in 2020 geplant – all dies liegt nun für unbestimmte Zeit auf Eis. Wir wollen und werden alles nachholen, die Frage ist nur: Wann? Um es auf den Punkt zu bringen: Ja, wir sind in unserer Existenz bedroht, und zwar nicht nur wir, sondern weite Teile der Kunst – und Kulturschaffenden in diesem Land, inklusive aller Anrainer (Veranstalter, Clubs, Technikverleiher, Theater, selbstständige Freelancer in diesen Bereichen, pi pa po).

MiA. wurden bereits 1997 gegründet, seit 2011 ist die Besetzung unverändert. Neue Mitglieder bringen meistens neue Ideen in das Bandgefüge ein, ist eine lange Konstanz daher eher Fluch oder Segen?

Keine Ahnung, wir arbeiten mit dem, was wir haben.  Insgesamt entdecken wir auch nach so langer Zeit noch neue Eigenarten, Macken und liebens- oder weniger liebenswerte Eigenschaften an uns. Damit sind wir voll ausgelastet. Insofern: Segen!

Was hat euch nach einer längeren Auszeit zwischen 2016 bis 2019 bewogen das neue Album „Limbo“ zu schreiben und aufzunehmen. Hattet ihr genug von Soloaktivitäten und Gastbeiträgen? Wie habt ihr euch für „Limbo“ motiviert?

Die Motivation an diesem Album zu arbeiten kam vor allem mit der Beantwortung einiger grundsätzlicher Fragestellungen im Vorfeld dieses Projekts. Wir haben uns offen und ehrlich gefragt, ob, und wenn ja, wofür wir ein neues Album machen wollen. Ist es reine Verwaltungsroutine, weil es mal wieder Zeit wird oder haben wir konkrete Erwartungen und Wünsche? Im Zuge dieser Diskussionen haben wir gemerkt, dass wir noch mindestens eine Rechnung mit uns offen haben, dass es genug Songs und Ideen gibt, die wir noch nicht umgesetzt haben und dass so ein Album die nächste Möglichkeit ist, all unsere Unterschiedlichkeiten anzunehmen und ein MiA.-Ding draus zu drehen.

Inwiefern unterscheiden sich die 11 aktuellen Stücke zwischen „Limbo“ und „No Bad Days“ von den bisherigen Alben zwischen „Hieb & Stichfest“ (2002) und „Biste Mode“ (2015)? In welche Richtung geht die neue Standortbestimmung musikalisch und textlich?

Als erstes sollten wir festhalten, dass wir alle mit „Hieb & Stichfest“ wesentlich glücklicher sind als mit „Biste Mode“. Das kommt vor, denn wir sind keine Maschinen, wir nehmen Umwege, irren uns und sollten keinen Schiss haben, mal daneben zu liegen. Bei unserem ersten Album waren wir zwischen zwanzig und dreißig, jetzt sind wir fünfzehn Jahre weiter. Es ist nahezu unmöglich und wäre außerdem sehr schade, sich im Laufe einer solchen Zeit nicht zu verändern. Für die Arbeit an „Limbo“ gab es zwei entscheidende Veränderungen in unserer Routine: Erstens haben wir gemeinsam getextet und Gesangslinien entwickelt und zweitens hatten wir eine sehr genaue Vorstellung davon, wie dieses Album klingen soll.

Welche Rolle spielt der Labelwechsel hin zu Four Music dabei und wie ist es dazu überhaupt gekommen? Ein neues Management habt ihr auch?

Four Music sind uns mit Ehrlichkeit und Vertrauen begegnet – dies sind zwei unschlagbare Argumente für eine Zusammenarbeit. Wir haben uns recht zwanglos zusammengesetzt und Ideen für die Zukunft besprochen. Das war Anfang 2017, vor der „Nie wieder 20“ – Sause und vor Miez’ Babypause. Mit unserem jetzigen Management arbeiten wir seit 2016 zusammen. Nach fast zwanzig Jahren in der gleichen Konstellation mit unserem alten Team war es Zeit, Zöpfe abzuschneiden und sich neu auf die Socken zu machen.

Welche Rolle hat Produzent Mic Schröder für den MiA.-Neuanfang gespielt, wie seid ihr auf ihn gekommen?

Mic hat sein Studio schräg gegenüber unseres Proberaums, er war in den letzten Jahren irgendwie immer da und wollte unbedingt mit uns arbeiten. Über diese Nähe und diesen Vertrauensvorschuss kamen wir zusammen für „Limbo“. Mic hatte die Geduld, die Souveränität und die Neugier, aus uns herauszuholen, was wir wirklich wollen. Er war ehrlich und kritisch, aber nie festgefahren in seiner Meinung, hat sich echt jede Diskussion gegeben und uns stundenlang beim streiten und debattieren zugehört. Er ist kein „das geht nicht, das mache ich schon immer so – Typ“. Das hat enorm geholfen.

In Sachen Text und Musik habt ihr erstmalig auf kollektives Arbeiten gesetzt. Wie muss man sich das konkret vorstellen und hat das reibungslos geklappt?

Wenn sowas reibungslos klappt, dann stimmt was nicht. Konkret bedeutet es, sich mit einer Vielzahl von Geschichten, Sichtweisen und Wortfindungen zu beschäftigen. Da sind Schnellschüsse und lang erdachte, liebgewonnene Zeilen dabei – das muss man mit jedem Song neu erfahren und praktizieren. Das ist anstrengend, aber es hat sich gelohnt.

Wie wichtig sind Videos und Social Media generell für euch? Zu „Kopfüber“ und „No Bad Days“ sind zur Albumveröffentlichung zwei neue Videos erschienen, seid ihr zufrieden damit?

Wir sollten das „Limbo“ – Video hier nicht unter den Tisch kehren! Das ist ein lang ersehnter Traum von uns, dass jemand anderes als wir die Hauptperson in einem MiA.- Video ist!!! Viel von dem, was man in diesen Clips sieht, ist auf unserem Mist gewachsen. Das ist auch wieder anstrengend, weil es am Ende dann doch anders als gedacht wird, aber dafür ist es eben auch immer wieder toll, mit Menschen an Regie und Kamera zu arbeiten und eine Idee durch ihre Augen umzusetzen. Social Media ist aktuell, zumindest für unsere Arbeit, wichtiger denn je. Wir versuchen, das Ganze so zu machen, dass wir das Gefühl behalten, „bei uns“ zu sein.

In Zeiten der Covid-19 Pandemie ist soziales Engagement wichtiger denn je. Habt ihr aktuell Pläne für Aktionen bzw. wird es zur Tour im November/Dezember etwas in dieser Richtung von MiA. geben?

Planen ist grad eher für die Tonne. Das ändert sich ja jeden Tag. Soziales Engagement spielt in all unseren Planungen trotzdem eine wichtige Rolle, wichtiger ist es aber, die von uns vertretenen Werte individuell in unserem Alltag zu leben – und dies tun wir nach Kräften.

Text: Frank Keil. Bild: PR

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