40 Years after Joy Division

Oder: Joy Division auf dem Festland und was davon geblieben ist.

Eine Spurensuche und eine Verbeugung.

Control spielt die Originalplaylisten in den Originalspielstätten

Der britischen Kultband Joy Division gelangte der Sprung über den Kanal, von der Insel zum Festland, höchst selten, eine Tatsache, die nicht vielen Fans bekannt ist. Dass die Konzerte von Joy Division jenseits des Kanals die Briten meist unerfreuliche Erfahrungen waren, wissen die Wenigsten. Der kalte Empfang in Europa begann für die vom Anfangserfolg ihrer ersten Schallplatte Unknown Pleasures verwöhnten Postpunker begann im „Plan K“ in Brüssel, eine alte Zuckerraffinerie mit mäßigen Übernachtungs- und Sanitärfacilitäten, immerhin in der Manchesterstraße an einem Kanal gelegen und für die Show von einer gewissen Anik Honoré gebucht. Der erste Auslandsgig, der am 17.10.1979 zusammen mit Cabaret Voltaire und William S. Burroughs stattfand, ist ausführlich von Philippe Carly fotografiert und dokumentiert worden. Dass Ian Curtis‘ Wunsch für ein Autogramm vom New Yorker Kultautor mit einem herzlichen Fuckoff quittiert wurde, ist nur mündlich überliefert. Die jungen Musiker aus der Nähe von Manchester jedenfalls setzten direkt nach dem Konzert wieder zur Insel über, um am 18.12. zurück zu kommen. Im legendären „Bains douches“ in Paris und in deren berüchtigter Innenarchitektur, einem dystopischen Erstlingswerk von Philipp Starck, fand das einzige Konzert der Maniacs in Frankreich statt. Die Aufnahmen vom Mischpult sind beste Bootlegqualität und auch dieser zweite Festlandbesuch blieb eintägig. Weihnachten und die Jahreswende verbrachten die ausgelaugten Musiker im heimischen Königreich und entfremdeten sich zunehmend von ihren Familien, wie man bei Deborah Curtis ganz wunderbar nachlesen kann. Am 11.1.1980 begann im Paradiso in Amsterdam, ein sehr schönes bootleg der Radioaufnahme ist im Netz zu finden, eine kleine Tour durch Holland und Belgien, die auch einen Abstecher nach Köln und Berlin beinhaltete, wo sie am 21.1.1980 endete. Es ist überraschend: Insgesamt spielte Joy Division nur zwölf Gigs außerhalb Großbritanniens, zwei davon in Deutschland.

Das erste, vor etwa nur 150 Fans am 15.1. ins Basement, wurde von der Band als ein Debakel empfunden. Man spielte zuhause mittlerweile vor 1000 und mehr Zuschauern, man beklagte die Kälte und den Sound, obwohl der Livemittschnitt, der im Netz kursiert, für eisenharte Fans und Spezialisten interessant ist. Dass Ian Curtis in Köln während Transmission einen epileptischen Anfall erlitt, sich aber zu einer Zugabe, ausgerechnet Atrocity Exhibition, zurück auf die Bühne kämpfte, machte den Basementauftritt für die Briten noch schlimmer. Das sechs Tage später stattfindende Konzert im Kant Kino, dem damalige Hotspot der Punk und beginnenden Independent Szene der Frontstadt Berlin, die nur durch den Korridor der Transitstrecke erreichbar war, muss der desaströse Höhepunkt der negativen Ereignisse der gesamten Reise gewesen sein. Sumner beschimpfte die 150 Anwesenden als Nazischweine, der Sound war unmöglich und die Stimmung der wenigen Fans im vom Kalten Krieg geprägten Berlin wurde zunehmend aggressiver. Insgesamt ist eine Playlist von acht Liedern bekannt, es waren wohl noch zwei drei mehr, aber JD verließ die Bühne, die Stadt und das Land in Zorn. Der Song Komakino geht auf diesen Auftritt zurück und es gibt nicht Wenige die glauben, dass die Berlinerfahrung vor allem Ian Curtis nachhaltig von Touren ins Ausland abschreckte. Dass er sich am 18.5.1980, am Vorabend der ersten Amerikatour der Band, das Leben nahm, wird damit in Verbindung gebracht. Auf dem Plattenteller lag The Idiot von Iggy Pop. Legenden.

Quelle: www.joydiv.org / Andreas B

Der Rest der Geschichte ist bekannt. Joy Divison wurde nach dem tragischen Tod ihres Sängers durch New Order ersetzt, aber trotz des fames der besten Postpunk-Disco-Truppe aller Zeiten, die bis heute besteht, nie vergessen. Die legendäre Band und vor allem ihr Sänger Ian Curtis lebt immer noch in einer riesigen Fangemeinde, in der sich auch jüngere Generationen ausgebreitet haben. Wer Muse hört, Radiohead liebt, zu Depeche Mode tanzt oder auch NIN und andere jüngere Bands der Gegenwart kennt, wie z.B. the National, the Editors, the Slow Readers Club oder Fontaines DC, kommt an Joy Division nicht vorbei. Die Erinnerung an die Band aus Macclesfield wird auf die verschiedensten Arten gepflegt, wie zum Beispiel auch von control, dem Saarbrücker Quartett, das seit Jahren die Lieder von Ian Curtis, Peter Hook, Steven Morris und Bernard Sumner vor einem begeisterten Publikum auf die Bühne bringt.

Was aber passierte mit den Clubs, die in der damaligen Zeit all die bekannten, angesagten, neuen und geilen Acts der Punk, Post-Punk, beginnenden New-Wave, Gothic und Independent Szene eine Bühne gaben? Das jedenfalls fragten sich die Saarbrücker Musiker, als sie darüber nachdachten, welche Events man anlässlich des anstehenden vierzigjährigen Jubiläums der Festlandskonzerte von Joy Division anzetteln könnte. Die Idee, die dabei entstand, ist so einfach wie zündend: Control spielt am jeweils datumsgleichen Tag vierzig Jahre Später das Originalprogramm auf der authentischen Bühne der betreffenden Clubs, insofern noch vorhanden. Klingt logisch und erstmal ganz einfach, gestaltete sich aber schwierig, wie eigentlich auch zu erwarten war. Plan K in der Rue de Manchesterstraat 21 heißt heute „charleroi-danses“, einem Zentrum der flämischen Choreografie, und veranstaltet keine Konzerte mehr in seinen heiligen Hallen mehr, obwohl Ian Curtis für seine tänzerischen Einlagen geradezu berühmt war. Zum Paradiso muss man nicht viel sagen, vielleicht etwas zu groß und zu wichtig für eine kleine deutsche Joy Divison Coverband, auch wenn diese die beste aus St.Johann sein dürfte. Im Paradies jedenfalls herrscht am 10.1. 2020 business as usual. Die anderen venues in Belgien oder Holland, die Schauplätze der kleinen Europatour der ehemaligen Warsawa waren, sind nicht mehr existent oder haben nie auf die Anfrage von control geantwortet.

Immerhin, aus dem Keller der „Bains douches“, das 2004, komplett renoviert, zum exklusiven Tanzklub im Souterrain des neu eröffneten Edelhotels „les bains de Paris“ wurde, kam eine Absage. Die immer wieder auf allen Kanälen ans Management gerichtete Anfrage, dort am 18.12.2019 eine Joy Divison Night veranstalten zu dürfen, wurde dann doch mit höflichem Desinteresse via mail beantwortet.

Ganz andere Vibes kamen aus Köln. Das Basement, das sich als die Krypta der Kölner Christus Kirche herausstellte, wird seit Anfang 2019 wieder als Spielstätte, wenn auch deutlich bürgerlicher als in der wilden Zeit, genutzt. Und tatsächlich war Pfarrer Christoph Rollbühler anfänglich begeistert von der Idee, die legendäre Vergangenheit des Clubs in der Nacht des 15. Januars mit einem Controlkonzert wieder aufleben zu lassen. Nach der spontanen Zustimmung folgte lange Zeit kein Kontakt mehr und die Hängepartie baumelt noch immer. Das Konzert gilt für die Saarländer als abgemacht und wird in der Tourliste geführt.

Markus Reinefeld hingegen machte Ernst. Der Betreiber des Kant Kinos in Berlin, der sich dem legendären Ruf seiner Spielstätte bewusst ist, wischte alle Bedenken zur Seite und lädt am 21.1.2020 zur Joy Division Night in die Kantstraße ein. Das Kino bleibt bestuhlt, der Abend starte mit dem Film Control von Anton Corbijn, dem das Konzert der Band gleichen Namens aus Saarbrücken folgt und endet mit dem Film „B-Movie“ der Musiker, Film- und DJ-Legende Mark Reeder, geboren in Manchester und Freund von Ian Curtis, der sein Kommen angekündigt hat. Es soll Curry-Wurst und Bier geben, der Abend wird lang und für manche emotional. Konzertbesucher mit der Originalkinokarte des JD Konzertes von 1980 dürfen umsonst rein, Anmeldung muss sein, es wird wohl keine Karten mehr an der Abendkasse geben. Wie groß die Bedeutung des Kant Kinos für die Musikszene der Hauptstadt war kann man mit wenigen Klicks im Internet herausfinden. Hier haben sie alle gespielt, wirklich alle. The Jam, Japan, Fad Gadget, U2, AC/DC, Ultravox, XTC, Iggy Pop, Simple Minds und Patti Smiths, und ja, o.k., dann wollen wir noch an B-52, Echo and the Bunnymen, Blondie, Motorhead, Siouxie and the Banshees, the Talking Heads und den Gun Club erinnern. Den Rest möge der geneigte Leser selbst herausfinden. Es ist ein großes Vergnügen.

Markus Reinefeld erzählt, dass es vor allem britische Touristen seien, die tagsüber auf der Tour durch Berlin anhalten, um die Bühne zu sehen, worauf ER stand. Und dann führt der stolze Betreiber seine Gäste, in der Regel aus Manchester, in den legendären Saal, wo sie erschaudern und ein paar Tränen verdrücken dürfen. Es ist ja dunkel, im Kant Kino.

Text: Stefan Ochs Bild: Rich Serry

Control: 40 years after JD.

27.12.2019, Nachtleben, Frankfurt

15.01.2020, the basement, Köln, to be confirmed

18.01.2020, Kleiner Klub, Garage, Saarbrücken

21.01.2020, Kant Kino, Berlin.

Angefragt:

18.05.2020, Dresden, MDR