Antiflirting – Zwei Wienerin gegen sexuelle Belästigung und übergriffiges Verhalten im Netz

Mit dem Instagram Account Antiflirting haben die zwei Östereicherinnen 2019 Kim und Caro eine Initiative zur Aufdeckung von übergriffigem Verhalten im Netz gegründet. Sie posten anonym Beiträge, die sie von Ihren Nutzern zugesendet bekommen, aus verschiedensten Plattformen wie Dating-Portalen oder anderen sozialen Medien, um darauf aufmerksam zu machen, wie leicht solches Verhalten von Tätern*innen ausgenutzt werden kann. Wir haben mit den beiden gesprochen.

Liebe Caro, was genau ist antiflirting?

Antiflirting begann als eine Instagram Seite mit dem Schwerpunkt sexuelle Belästigung via Nachrichten aufzuzeigen. Mittlerweile sehen wir dahinter eine ganze Bewegung, die unter dem Namen „antiflirting“ passiert, genauso wie einen Begriff der das beschreibt, was die Täter*innen machen. Das übergriffige und belästigende Verhalten, der Sexismus, der Rassismus, der Ableismus und die Beleidigungen. Das nicht akzeptieren von Neins und das nicht respektieren von Grenzen. Das ist kein flirting, das ist das Gegenteil davon – das ist antiflirting.

Den ersten Account @antiflirting haben wir im August 2019 erstellt. Im Herbst kontaktierten uns die ersten Medien, um über uns zu berichten – antiflirting sprach sich rum. Wir merkten dadurch und natürlich durch die vielen Nachrichten, die uns erreichten, dass das was wir machen sehr wichtig und notwendig ist. Im November und Dezember 2019 wurden wir von Instagram gesperrt (1), danach haben wir @antiflirting2 ins Leben gerufen, waren aber dann über einen Monat inaktiv. Seit 26.01.2020 sind wir wieder online.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen und wer steckt hinter der Page?

Durch persönliche Erfahrungen und die unserer Freund*innen fand hier in den Freundeskreisen schon ein Austausch statt. Man schickte sich gegenseitig Screenshots, wenn man solche Nachrichten bekommen hat. Irgendwann bemerkten wir, wie oft das eigentlich passiert und wie viele Screenshots sich da anhäuften und waren uns sicher, dass wir damit sicher nicht alleine sind. Für uns war klar, dass wir was dagegen unternehmen möchten. Wir beschlossen eine Instagram Seite zu erstellen, wo man Screenshots einsenden kann, um sie anonym zu posten. Damit wollten wir direkt aufzeigen, was täglich in den Postfächern vieler Menschen lauert.

Wir sind Kim und Caro aus Wien und betreiben die Seite seit Beginn miteinander. Wir arbeiten und studieren beide, und betreiben die Seite in unserer Freizeit. Seit der Doku von @trudoku / @funk, die im Februar veröffentlicht wurde, stehen wir auch mit unseren Gesichtern für das Projekt, davor waren wir anonym und haben nur gelegentlich unsere Vornamen und unser Alter in Interviews erwähnt.

Gab es einen Beitrag, der euch besonders schockiert oder getroffen hat?

Auch wenn man Erfahrungen nicht miteinander vergleichen kann und sollte, gibt es natürlich immer wieder Konversationen, die besonders schlimm sind. Vor allem dann, wenn Gewalt, Missbrauch und minderjährige Menschen involviert sind. Oft gibt es auch Nachrichten von Ex-Partner*innen oder anderen im Umfeld nahestehenden Personen wie Kolleg*innen, Freund*innen, Erziehungsberechtigte, die zum Beispiel die Betroffenen nach einem Übergriff nochmals kontaktieren und sich selten einsichtig zeigen. Diese und andere potenziell traumatisierenden Postings versehen wir auf dem Account mit Trigger Warnungen (2).

Ein Mal kam es vor, dass uns ein Screenshot erreichte, in dem ein Essenslieferant die Einsenderin nach der Lieferung privat kontaktierte. Selbst, wenn die Nachrichten hier nicht sexuell oder übergriffig sind, steht hier immer noch der rechtliche Aspekt der rechtswidrigen Datenentnahme des Täters im Raum. Bei solchen Fällen versuchen wir mit den Betroffenen über ihre Möglichkeiten zu sprechen, wie sie sich (auch rechtlich) wehren können.

Was würdet ihr denen sagen, die Beiträge als banal werten und finden das Thema wird zu viel aufgebauscht?

Es kommt öfter vor, dass Menschen in den Kommentaren schreiben, sie fänden die Aussagen der Täter*innen nicht schlimm, sondern sogar lustig. Wir versuchen diese Menschen dann darauf hinzuweisen, dass Erfahrungen und Wahrnehmungen subjektiv sind, und sie bitte den Betroffenen ihren Schmerz nicht absprechen sollen. Wir erklären, dass nur weil sie sich durch so eine Nachricht nicht belästigt fühlen würden, das nicht bedeutet, dass das für andere genauso ist. Das Stichwort ist wie immer Konsens, denn belästigend und übergriffig sind sexuelle Nachrichten dann, wenn es eben diesen Konsens nicht gab. Wir appellieren hier an die Empathie der Menschen, sich vorzustellen jeden Tag zu belästigenden und ungewollten sexuellen Nachrichten oder sogar Nacktbildern im Postfach aufzuwachen – denn das ist die Realität für viele.

Wie bereits erwähnt gibt es natürlich Nachrichten, die besonders schlimm sind. Zwischen denen finden sich alle alten von Chatverläufen mit Alltagssexismus, sexuellen Anspielungen und ungefragten Kommentaren zum Körper der Betroffenen – hier fragen sich in den Kommentaren manche, warum wir solche Dinge auch posten, denn das wären im Vergleich ja nur Kleinigkeiten. Wir wollen aber genau die vielen verschiedenen Facetten von Belästigung und Übergriffigkeitwollen aufzeigen. Dass es nicht immer die schlimmste, expliziteste und ekelhafteste Nachricht sein muss, damit man sich davon belästigt fühlen „darf“, sondern, dass es eben meistens zwischen den Zeilen schon beginnt.

Was war die schönste Reaktion auf eure Page?

Uns erreichen täglich Nachrichten, in denen sich die Follower*innen für unsere Arbeit bedanken. Jede einzelne davon bestärkt uns in dem was wir tun, weil wir merken, dass wir etwas auslösen können. Besonders gerührt und ermutigt sind wir meistens dann, wenn uns Betroffene schreiben wie sehr ihnen die Seite hilft sich nicht mehr alleine zu fühlen, und dass es okay ist sich zu wehren und darüber zu sprechen. Viele haben in ihrem Umfeld niemanden, mit dem sie darüber reden können, was ihnen passiert, ohne verurteilt zu werden oder sogar selbst die Schuld dafür zu bekommen. Hier werden wir dann zur Anlaufstelle, die nicht wertet. Und genau das ist das, was wir erreichen wollen. Niemand soll sich damit alleine gelassen fühlen, was ihnen passiert (ist).

Ein paar Mal haben uns auch ehemalige Täter*innen kontaktiert, dass sie durch den Account gemerkt haben, was sie gemacht haben. Diesen direkten „Beweis“ dafür zu sehen, dass wir etwas verändern gibt uns natürlich viel Kraft weiterzumachen, auch wenn es nicht einfach ist und uns noch viel bevorsteht.

Wie wichtig findet ihr eine Änderung des Verhaltens im Alltag und worauf sollte man achten?

Wir sehen ein großes Problem in dieser „Normalität“, mit der vieles entschuldigt wird. „Das sei nun mal so“ oder „Das muss man halt aushalten“, sagen sich viele. Wir finden, dass es viel mehr Aufklärung und Diskurs zum Thema Belästigung und übergriffigem Verhalten braucht, genauso darüber, was Grenzen sind. Wir schauen dabei auch auf den nicht ausreichenden Sexualkundeunterricht, in dem man eigentlich lernen sollte, was Konsens bedeutet, was Grenzen sind und wie man seine eigenen kennenlernt. Wie man Nein sagt und auch, wie man ein Ja erfragt. Ebenso braucht es eine Normalisierung davon, dass übergriffiges Verhalten aufgezeigt und thematisiert wird – und das versuchen wir mit antiflirting.

Wir denken, dass hier jede*r einzelne jeden Tag einen Unterschied machen kann, vor allem im eigenen Umfeld. Es braucht mehr Empathie und Respekt für unsere Mitmenschen. Das, und Konsens, sind wohl die obersten Prioritäten, die man in Konversationen mit seinem Gegenüber haben sollte, egal wie gut man sich kennt. Sich gegenseitiges Einverständnis zu holen, sollte zur Normalität werden, genauso wie darauf zu achten die Grenzen seines Gegenübers zu respektieren und einzuhalten. Das muss zur neuen Normalität werden, zum Alltag wenn man so will.

Was würdet ihr euren Leserinnen und Lesern noch mit auf den Weg geben?

Wir müssen mehr auf unsere Mitmenschen achten. Wir müssen mehr zuhören, achtsamer sein. Wir müssen zwischen den Zeilen lesen und Hilfe anbieten. Wir dürfen nicht schweigen, sondern müssen laut sein und solidarisch sein, mit den Betroffenen. Wir müssen uns fragen, wieso die Gesellschaft und vor allem die Täter*innen es immer noch okay finden übergriffige, sexistische, rassistische, etc. Nachrichten zu versenden. Wir sollten uns nicht fragen, wieso die Betroffenen nun so oder so darauf reagieren, sondern wieso sie diesen Situationen überhaupt ausgesetzt werden. Wir sind alle ein Teil davon und müssen uns fragen, was wir alle tun können, um daran etwas zu verändern. Wichtig ist, dass wir uns selbst und unserem Umfeld kritisch und reflektierend gegenübertreten und wir uns austauschen und den wichtigen Diskurs gemeinsam führen. Miteinander, nicht gegeneinander. Wir merken jeden Tag, mit jedem Posting, jedem Kommentar und mit jeder Nachricht, die uns erreicht, dass wir gemeinsam etwas verändern können.

Und vor allem: wenn du oder jemand in deinem Umfeld betroffen ist – unser Postfach ist immer offen. Niemand ist damit alleine, wir halten alle zusammen.

Interview: Anna Rissel Bild: TruDoku (https://www.instagram.com/trudoku/?hl=de)

Fußnoten

(1) Zur Sperre: Wir wurden aufgrund Verstoß gegen die Gemeinschaftsrichtlinien gesperrt, genauer gesagt wegen „sexuellen Inhalten“. Die Bilder, die Nacktheit zeigen, wurden von uns schon immer zensiert, aber am alten Account nicht genug – das machen wir jetzt anders. Die Trigger Warnungen gibt es auch seit Anfang an, sie werden laufend von uns, gemeinsam mit euch, erweitert. Mittlerweile stehen wir in Kontakt mit Instagram, und es sollte laut ihnen keine weitere Sperre erfolgen.

(2) Zu den Trigger Warnungen: Die Trigger Warnungen dienen dazu Menschen zu schützen, die traumatisierende Erfahrungen mit den auf der Seite aufgelisteten Situationen gemacht haben. Traumatisierende Erlebnisse in Gedanken wieder erleben zu müssen ist nichts Gutes, sondern kann schwerwiegende gesundheitliche Einschränkungen und Folgen mit sich rufen z.B. Atemnot, Panikattacken, Depressionen, etc.

Das Setzen der Slide bedeutet, dass wir in dem Inhalt der Screenshots das Potenzial sehen triggernd zu sein. Wir wollen eine inklusive Seite sein, auf der sich möglichst viele Menschen willkommen, gehört und aufgenommen fühlen. Der Trigger Warnung Slide ist somit für Betroffene essentiell, um sich frei auf unserer Seite bewegen zu können – durch das swipen auf den nächsten Slide können sie selbst entscheiden, ob sie sich dem Inhalt aussetzen wollen oder nicht.

www.instagram.com/antiflirting2