Mit „Mal“ präsentieren AySay aus Kopenhagen ihr drittes Album (V2 Records), auf dem sie anatolische Volksmusik und nordische Elektronik mit dem dänisch-kurdischen Erbe ihrer Leadsängerin Luna Bülow Ersahin miteinander verbinden. Dank Lunas faszinierendem Gesang und der versierten Unterstützung durch Carl West Hosbond (Gitarre) und Aske Døssing Bendixen (Schlagzeug) erschafft das Trio ein vielfältiges musikalisches Universum.
Du bist als Tochter einer Dänin und eines Kurden in Jütland aufgewachsen. Welche Musik hat dich inspiriert selber aktiv zu werden?
Ich habe viel Volksmusik gehört, keltische, skandinavische, kurdische und türkische. Diese Traditionen haben mich interessiert und geprägt. Dabei war ich immer offen für neue Musik in fremden Sprachen. Meine Stimme habe ich schon als Kind zum Singen benutzt, im Alter von neun Jahren habe ich dann begonnen Klavier zu spielen. Musik hat also schon früh zu meinem Leben gehört. Später habe ich dann ein Faible für Indie-Pop entwickelt und ich finde, dass man diese Einflüsse bis heute bei AySay hören kann.
Die Geschichte der Band begann in der dänischen Stadt Aarhus, wo du Carl und Aske getroffen hast? Hat euer Bandname AySay eine tiefere Bedeutung?
Ja, das stimmt. Wir haben uns dort an der Musikschule kennengelernt und fortan beständig unseren Sound weiterentwickelt. Am Anfang wussten sie nichts über türkische/kurdische Musik, aber Aske und Carl waren wissbegierig und wollten mehr über diese Traditionen lernen. Und so haben uns gemeinsame Werte und Positionen einander nähergebracht. Ay bedeutet auf Türkisch Mond und aus dem Wortspiel Luna, ich und ich sage, wurde final AySay.
Über Genre und Grenzen hinweg hat sich ein Sound entwickelt, der Neues schafft. Mit den beiden bisherigen Alben, dem Debüt „Su Akar“ (2021) und dem Nachfolger „KÖY“ (2023) habt ihr alten Traditionen modernes Leben eingehaucht und euch über Dänemark hinaus international einen Namen gemacht. War englischer Gesang dabei nie eine Option?
Der gemeinsame musikalische Weg war nicht immer einfach, es gab immer wieder Hürden zu überwinden um unsere Musik weiter zu entwickeln. Am Anfang hatte ich sogar einige englische Texte geschrieben, aber dann meinten wir, dass drei Sprachen genug wären und Englisch eben nicht zu meiner Geschichte gehört.
Wie würdest du aktuell eure Entwicklung von den musikalischen Anfängen hin zum aktuellen Album „Mal“ beschreiben. Was hat sich im Laufe der Jahre verändert?
Aus zunächst Fremden wurden Freunde und eine Familie. Es fühlt sich heute an als wären wir Geschwister. Dazu haben wir als KünstlerInnen eine Weiterentwicklung hinsichtlich der Musik und der Texte durchgemacht. Aktuell sind einige der Stücke sehr partytauglich, was auf unsere Erfahrungen als Live-Band zurückzuführen ist. Wir wollen, dass die Leute nicht nur zuhören, sondern sich auch bewegen.
Gibt es eine Art ´Roten Faden´, der die einzelnen Stücke des neuen Albums verbindet?
Ja, es sind alles Erlebnisse und Geschichten aus meinem Leben der letzten zwei bis drei Jahre. Wir haben das Album „Mal“ genannt, was auf Kurdisch ´Zuhause´ bedeutet. Weil wir denken, dass jeder auf der Welt ein Recht auf ein Zuhause haben sollte. Und für uns sind die neuen Lieder eine Art Haus und Heimat geworden.
Du singst auf den in drei dänischen Studios aufgenommenen Stücken nicht nur, sondern spielst auch Instrumente. Welche sind das?
Saz, eine türkische Langhalslaute, Pandeiro, eine kleine Handtrommel aus Brasilien, Darbuka, eine Bechertrommel aus dem Nahen Osten, Violine und Klavier.
Themen die sich um Identität, Zugehörigkeit, Menschliche Verbundenheit und Widerstand drehen, sind bei euch allgegenwärtig. Die Auswahl fällt dir sicher schwer, aber hast du den ein oder anderen Lieblingstitel auf dem Album?
Unbedingt. Ich mag ganz besonders den Opener „Yârimsin“, die erste Single, weil ich da ein Saz-Solo spiele und ich die positive Energie sehr gern mag. Ganz besonders gefällt mir auch „Aylo/Ha Yali/Xezalamin“, drei kurdische Volkslieder, die ich bei einem gemeinsamen Besuch mit meinem Vater im kurdischen Teil der Türkei gelernt habe. Die Umsetzung dieser drei Traditionals durch AySay ist wirklich mitreissend geworden.
Mit „Malala“ und „Haydi Gidelim“ wurden bereits zwei weitere Singles vorab veröffentlicht. Was macht diese beiden Titel so besonders?
„Malala“ ist inspiriert von der Lektüre der Biografie „Ich bin Malala“ über die pakistanische Kinder- und Frauenrechtsaktivistin Malala Yousafzai, die ein Taliban-Attentat überlebte. Die Kurdin Jina Mahsa Amini wurde dagegen von der iranischen Sittenpolizei umgebracht. Diese Widersprüchlichkeit von Leben und Tod trage ich mit mir herum. „Haydi Gidelim“ dreht sich um die Sehnsucht das zu erreichen, was einem von einem anderen oder anderen versprochen wurde und ist musikalisch eine Hommage an die anatolische Rockbewegung der 1970er Jahre.
Die insgesamt 12 neuen Stücke zwischen „Yârimsin“ über „Lawiko“ und „Haydi Gidelim“ bis hin zu „“Ya Tal3een“ erscheinen auf dem renommierten Label V2 Records. Wie kam diese neue Zusammenarbeit zustande?
Es gab auch Angebote dänischer Labels, aber bei einem Festival in den Niederlanden entstand drn erste Kontakt zwischen unserem Manager und V2 Records. Daraus hat sich dieser Deal ergeben, der uns vor allem international gut aufstellt.
Welche Rolle spielen Konzerte für euch, da ihr ja euren Lebensunterhalt durch die Musik bestreitet?
Wir versuchen das neue Album in ganz Europa vorzustellen und dazu gehören auch Konzerte in der Türkei. Im Sommer werden wir auf einigen namhaften Festivals wie dem dänischen Roskilde Festival und Tønder Festival sowie dem Durchlüften Festival/Berlin und den Honey Lake Sessions/Honigsee auftreten.
Das klingt nach einem vollen Terminkalender im Jahr 2026. Wie verbringst du deine eher knappe Freizeit?
Gerne kreativ. Vor allem mit Büchern und bei Spaziergängen. Und neben der Musik sind Sprachen, ich kann auf neun kommunizieren, meine große Leidenschaft.
Text: Frank Keil Bilder: Mishael Oladipo Fapohunda