Die britische Folk-Songwriterin und
-Sängerin Lucy Kitchen aus Romsey/Hampshire präsentiert mit „In
The Low Light“ ihr drittes Album (Make My Day Records/Indigo),
gewidmet ihrem an Krebs verstorbenen Ehemann. Dank ihrer gefühlvollen
Stimme in Kombination mit ihren eindringlichen Texten ist ihr unter
Mithilfe befreundeter MusikerInnen ein 11 Stücke umfassendes
Meisterwerk gelungen. Die sympathische Lucy, die sich aufgrund ihrer
Vielseitigkeit in den letzten Jahren auch zu einer gefragten
Kooperationspartnerin für elektronische Musikprojekte entwickelt
hat, stand uns für ein ausführliches Gespräch zur Verfügung.
War Musik in deinem Elternhaus stets präsent und so dein Weg zur Künstlerin quasi vorgezeichnet?
Mein
Vater, ein Bibliothekar, ist ein großer Jazzfan, dessen Sammlung
(u.a. Miles Davis, John Coltrane) mir immer zugänglich war. Er
brachte auch immer Bücher und Tonträger mit nach Hause, Material
dass mir als Inspiration diente. Später habe ich unter anderen Bob
Dylan, Roy Orbinson, Neil Young und Joni Mitchell entdeckt.
Ab wann hattest Du den Wunsch selber ein Instrument zu lernen und zu spielen?
Im
Alter von acht Jahren habe ich gelernt klassische Flöte zu spielen,
später kam dann das Piano hinzu. Als ich mit 16 von einem Sommerjob
nach Hause kam, hatten mir meine Eltern eine Gitarre gekauft. Von da
an wurde ich als Teenager zu einer begeisterten Songwriterin, die
Bands wie Belly oder die Throwing Muses liebte. Später entdeckte ich
dann auch TripHop, vor allem Massive Attack, für mich.
Dennoch verlief der Weg zur Berufsmusikerin über Umwege, denn dein Debüt „Waking“, erschien erst 2014 auf deinem eigenen Label Bohemia Rose Records, als du bereits 36 Jahre alt warst.
Das
stimmt. In meinen 20ern gab es zwar den ein oder anderen Auftritt,
aber mein Informatik-Studium und der spätere Job bestimmten mein
Leben. Als 2010 meine Tochter geboren wurde, war mir klar, dass ich
nicht in die IT-Branche zurückkehren wollte. Ich ergriff die Chance
und nahm im Studio eines Freundes ohne Druck meine ersten richtigen
Songs auf, bis ich das Debüt zusammenhatte. Von da an entwickelte
sich meine Karriere beständig Schritt für Schritt mit vielen Club-
und Festival-Shows bis hin zum Nachfolger „Sun To My Moon“ 2017.
Romsey ist ein kleiner Markt in der englischen Grafschaft Hampshire. Empfindest du das eher ländliche Leben im Südosten Englands als Vor- oder Nachteil in Bezug auf deine Musik?
Heute
muss man nicht mehr in London leben und arbeiten, um musikalisch
erfolgreich zu sein, vor allem nicht im Folk-Sektor, wo die
HörerInnen eher auf Alben als auf Singles fixiert sind. London ist
nur rund 90 Minuten entfernt, also ist es kein Problem dorthin zu
fahren. Für mich überwiegen die Vorteile des Kleinstadt-Lebens mit
grüner Umgebung. Dazu gehört auch meine Label-Arbeit, in die ich
viel Zeit investiere, aber ich liebe es einfach unabhängig zu sein,
auch in Sachen Booking.
Neben Compilation-Beiträgen hast du 2023 die EP „The Stabal Sessions“ veröffentlicht. Wie schwer war es für dich nach dem Tode deines Mannes 2022 wieder zurück zur Musik zu finden?
Die
Session beruht auf einer Förderung. Drei der vier Songs hatte ich
während der schweren Erkrankung meines Mannes geschrieben und nach
seinem Tod fühlte es ich richtig an, diese sehr persönliche Musik
rasch öffentlich zu machen. Auch um anderen Personen in ähnlichem
Zustand Mut zu machen. Kreatives Schaffen als Rettungsanker um
Schmerz zu verarbeiten, Liebe zu ehren und durch Musik langsam wieder
zum alltäglichen Leben zurückzukehren.
Kommen wir auf „In The Low Light“ zu sprechen, dessen 11 Stücke sich alle als kleine Kunstwerke entpuppen. Teilst Du meine Ansicht, dass deine Band und du damit bis dato den Höhepunkt eures Schaffens erreicht haben?
Die
Resonanz auf unseren Mix aus Folk mit ein wenig Americana &
Country ist durchweg positiv und freut uns alle sehr. Ich war sehr
aufgeregt etwas Neues mit diesen großartigen MusikerInnen, allen
voran Co-Produzent/Musiker Tali Trow, zu schaffen. Und wenn am Ende
die Erwartungen übertroffen werden, gibt es nichts Schöneres.
Dieses Album zu machen hat mich mehr aufgebaut als alles andere.
Themen wie Krankheit, Verlust, Trauer, Erinnerung und Transformation sind keine leichten. Aber dir gelingt es aus ihnen eine bezaubernde Reise zum Herzen zu gestalten, voller Dankbarkeit und Freude. Folgen die 11 Stücke einer Art ´Rotem Faden´?
Ich
hoffe, dass die HörerInnen in diesen Liedern ihre eigenen
Geschichten finden. Für mich ist die Verbindung das Gefühl, dass
mich die Stücke zu dem zurückgebracht haben was ich liebe.
Hast du trotzdem den ein oder anderen Lieblingstitel auf dem Album, der mehr von unserer Aufmerksamkeit verlangt?
Ja,
die habe ich, aber schon im Studio, bei Shows und jetzt mit etwas
Abstand zum Kreativ-Prozess wechseln sie. Aber einige bleiben: „Sunny
Dates“ aus der Zeit als mein Ehemann und ich uns kennenlernten.
„Winter King“, „The Boatman“ und „In My Corner“, zu dem
es ein einfühlsames Video der Filmstudentin Maria de Lima gibt.
Im Gegensatz zu Shows in England, die du nach Möglichkeit in Bandbesetzung bestreitest, wirst du im Frühjahr solo nach Deutschland kommen.
Ja,
darauf freue ich mich, es gibt super Unterstützung durch MMD
Records/Starkult. Und wenn alles gut klappt, werde ich sicher auch
mit der Band im September zurückkehren, was natürlich eine Frage
der Finanzierung ist.
Über BBC1 wurden in der Vergangenheit einige deiner elektronischen Musikprojekte recht populär. Bist du diesbezüglich auch noch aktiv?
Aktuell
bin ich mehr auf meine eigene Musik fokussiert, habe aber tatsächlich
viele Erfahrungen mit Drum&Bass-Produzenten gesammelt, die mich
wegen meiner Stimme engagierten. Die scheint gut zu elektronischer
Musik zu passen. Da schreibe ich aber etwas anders als normal,
kürzere Tetpassagen sind da eher gefragt.
Lyrik, Musik, Natur, Jahreszeiten. Wobei entspannst du am besten vom Musikbusiness?
Ich liebe meinen Garten, meine Rosen. Spaziergänge in der Natur und die Zeit, die ich mit meiner Tochter verbringen kann.
Text: Frank Keil I Bilder: Alec Bowman Clarke/Elana Moylette