Die Geschichte des niederländischen Rock´n Roll wurde in den 1960er Jahren maßgeblich von Bands geprägt, die ihre Wurzeln im weltweit größten Inselstaat Indonesien hatten. Gruppen wie The Fire Devils, The Tielman Brothers und The Javalins konnten auch hierzulande mit ihrem Indo-Rock´n Roll überzeugen und für Aufmerksamkeit sorgen. Auch wenn Nusantara Beat heute einem anderen musikalischen Ansatz folgen, haben die erfahrenen MusikerInnen das Potential auch in Deutschland Erfolg zu haben. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass ihr selbstbetiteltes Debüt kürzlich auf dem Hamburger Label Glitterbeat Records erschien. Zusammen mit Gitarrist Jordy Sanger lassen wir die bisherige Bandgeschichte überblicksartig Revue passieren.
Welche Musik hat dich in Deiner Kindheit und Jugend inspiriert selber ein Instrument zu erlernen?
Die Musik die ich als Teenager gehört habe, hat kaum mit der Musik zu tun, die wir mit Nusantara Beat spielen. Ich wuchs bei meiner alleinerziehenden Mutter auf, die als Mitglied der Hippie-Bewegung lange Jahre in Berlin lebte. So hörte ich viel Bob Dylan und Jimi Hendrix. „All Along The Watchtower“ weckte dann mein Interesse für die Gitarre.
Bist Du Autodidakt oder hast Du professionellen Unterricht erhalten?
Ich wuchs in der Gemeinde Lochem/Gelderland in der Nähe zu Deutschland auf. Der Unterricht an der Musikschule war zu teuer, also habe ich mir die ersten Griffe selber beigebracht. Mit 18 wurde ich an der Hermann Brood Academie in Utrecht angenommen und machte dort meinen Abschluss. Danach ging ich zum Musikstudium nach Amsterdam, wo ich nach und nach die anderen fünf Bandmitglieder kennenlernte.
Bassist Michael Joshua wurde in der indonesischen Provinz West-Java geboren und kam im Alter von 15 Jahren in die Niederlande. Alle anderen Mitglieder der Gruppe, Sängerin Megan de Klerk, Gitarrist/Keyboarder Rouzy Portier, Schlagzeuger Sonny Groeneveld, Perkussionist Gino Groeneveld und du sind in den Niederlanden geboren und aufgewachsen, stammen aber aus indonesischen Familien. Wie kam es zur Bandgründung im Jahr 2022?
Richtig. Wir waren in unterschiedlichen Jahrgängen am gleichen Institut und kannten uns mehr oder weniger nur vom Sehen. Einige Mitglieder spielten bereits bei bekannten Bands wie EUT, Jungle By Night und Altin Gün. Sonny und ich hatten schon länger die Idee unsere gemeinsamen indonesischen Wurzeln durch Musik weiter zu entdecken. Wir wollten zunächst zum Spaß für ältere Menschen traditionelle indonesische Musik spielen. Diese Idee entwickelte sich durch Rouzy, sein jüngerer Bruder Gino und Michael zu einer Band, der nur noch eine passende Sängerin fehlte. Die fanden wir mit Megan. Aber wir mussten sie erst überzeugen auf Indonesisch zu singen, was sie damals nicht sprach.
Wie würdest Du den Sound von Nusantara Beat stilistisch beschreiben? Welche Bedeutung kommt dem Bandnamen zu?
Zunächst haben wir die Tradition des Sunda Pop, die traditionelle Musik von West-Java wiederbelebt. Beim Schweizer Label Bongo Joe Records erschienen dazu die Singles „Djanger“, „Kota Bandung“ und „Mang Becak“, die jeweils eine bekannte indonesische Melodie aus dem 20. Jahrhundert neu interpretierten. Sie drehen sich inhaltlich um Liebe und Essen. Nusantara bezeichnet als altes Wort alle Inseln aus denen Indonesien besteht. Es umfasst das Zusammenkommen vieler Kulturen und Rhythmen zu einer Einheit.
Aus dem Kollektiv, dass zunächst zum Spaß auf Spurensuche ging, wurde durch energetische Live-Shows und professionelles Management eine zukunftsträchtige Band. Für euer Debütalbum (LP/CD) hat das deutsche Label Glitterbeat Records (Indigo) den Zuschlag bekommen. Wie lassen sich die 11 Stücke zwischen „Ke Masa Lalu“ bis hin zu „Cinta Itu Menyakitkan“ charakterisieren?
Wir vereinen unsere indonesischen Wurzeln mit westlichem Folk, Pop und Rock. Allerdings haben wir für das Debüt 11 Eigenkompositionen geschrieben und im eigenen Proberaum vorproduziert. Aufgenommen wurde das Album dann in einem Studio in Haarlem. Wir konzentrieren uns weiterhin auf die sundanesische Musiktradition auf Basis der Gamelan-Tonleiter Pelog. Aber durch die Einflüsse aus Surf, Funk, Elektronik und Psychedelia bekommen die Titel eine ganz besondere Frischzellenkur verpasst.
Um welche Themen drehen sich die Texte und wer hat diese verfasst?
Sie werden von Megan geschrieben und von Michael und Rouzy ins Indonesische übersetzt. Viele davon befassen sich inhaltlich mit der Liebe in all ihren Facetten. Aber natürlich geht es in ihnen auch um mehr als reines Entertainment. Die Ausnahme ist „Kalankang“. Den hat Michael geschrieben. Der handelt von einer Person, die von Geistern heimgesucht wird, was den sundanesischen Kontext verstärkt hervorhebt. „Kalangkang“ wurde von Michael auf Bahasa Indonesia geschrieben und von Rouzy ins Bahasa Sunda übersetzt.
Mit „Tamat“ wurde bereits im Herbst die erste Single aus dem Album veröffentlicht, die auf große Resonanz bei Fans und Medien stieß. Wie schwer fällt es dir, weitere Lieblingstitel zu nennen?
Jeder von uns hat da seine Favoriten, aber alle lieben das Album. Als E-Gitarrist mag ich natürlich die Tracks, in denen die Gitarren tragende Rollen übernehmen, aber zum Beispiel auch „Bakar“ mit seinem treibenden Elektro-Groove gefällt mir sehr gut.
Live-Auftritte sind ein wichtiger Bestandteil von Nusantara Beat. Kann man euch demnächst auch wieder in Deutschland erleben?
Nach dem Album-Release wird es Shows in den Niederlanden und u.a. in der Türkei, Frankreich und England geben. Und weitere deutsche Auftritte sind bereits in Planung. Wir lieben es aufzutreten und erstaunlicherweise treffen wir dort auch immer nette Menschen aus Indonesien, wie zuletzt auf den Färöer-Inseln und in München. Unabhängig davon, dass wir auf TikTok, Instagram und Facebook mit unseren Fans in Kontakt sind.
Viel Zeit zum Entspannen bleibt da für dich in naher Zukunft kaum. Wie nutzt du die knappe Freizeit bestmöglich aus?
Mit meinem Kind, meiner Freundin und der Familie. Und ich habe zwei Hobbies. Ich spiele gerne Schach und praktiziere Karate. So kann ich entspannen und den Kopf für die Musik freibekommen.
Text: Frank Keil
Bild: Pascal Dominique Amade