Der deutschsprachige Songwriter & Sänger Ingo Pohlmann, geboren 1972, ist auf gewisse Weise ein Spätberufener. Sein Debütalbum „Zwischen Heimweh und Fernsucht“ erschien 2006, der Hit „Wenn jetzt Sommer wär“ wurde zu einem Charterfolg. Es folgten weitere Alben und EP´s, Samplerbeiträge und zuletzt 2021 das Kinderalbum „Dingoingo. Kinderlieder von Pohlmann“. Am 28. August erscheint das langerwartete neue Studioalbum „Beweggründe“ Grund genug, gemeinsam einen Blick auf seine Kariere zu werfen.
Dein Weg vom Maurer zum Berufsmusiker verlief sicher nicht ganz einfach, oder?
Nein, Hauptschulabschluss, Mauerlehre in der Firma meines Vaters, Fachabitur und Umzug nach Hamburg. Erste musikalische Gehversuche mit der Band Goldjunge, der Erfolg blieb aus. Ich kellnerte in Bars, sang und wurde von Henning Wehland (H-Blockx) entdeckt. Gemeinsam mit ihm, Christian Neander und Jan Löchel produzierte ich mein Debüt.
Wie würdest Du heute rückblickend die weiteren Jahre nach dem Debüt beschreiben?
Man hat Einflüsse und Vorbilder und muss sich freimachen vom seinzuwollen wie…
Ich habe immer versucht mich zu entwickeln und besser zu werden. Es ist bis heute die Suche nach Stücken, die im besten Fall zeitlos sind.
Clueso, Poisel, Stoppok, die Liste ließe sich erweitern. Ehren oder nerven Dich Vergleiche mit solchen musikalischen Weggefährten?
Alle drei genannten sind spitze und Wegbereiter für viele gewesen. Ich höre mir manchmal was von anderen MusikerInnen an, das öffnet Türen. Am Ende bleibt es eine Kunst, das Herz zu berühren, ohne das Hirn zu beleidigen.
Du hast lange mit Major-Labels zusammengearbeitet und mit dem neuen Material eine Plattenfirma gesucht. Wie kam es zur Entscheidung für „Beweggründe“ ein eigenes Label zu gründen?
Ich hatte keinen Vertrag mehr, Material wurde abgelehnt, so habe ich den Versuch unternommen, über ein Fan-Crowdfunding die gesamte Produktion zu finanzieren. Und wir waren wirklich überwältigt von der Menge an Supportern, die neue Musik von mir haben wollten und dafür bereit waren zu bezahlen. Im Gegenzug gibt es dafür das Album, Konzerte und Bilder, da ich schon lange Zeit male. In Hamburg habe ich demnächst auch meine erste Ausstellung. Insgesamt haben wir in drei Monaten 65.000,- Euro erzielt. So kann ich auch noch einen Teil in die Vermarktung des Albums stecken.
Du hast eine Tochter und die Familie ist mittlerweile sicher mehr in den Vordergrund gerückt. Finden sie auch auf dem Album Platz?
Lieder wie „So an Dich gewöhnt“ oder „Komm jederzeit“ widmen sich dem Kern der Familie und so bekommt sowohl mein Kind als auch die Mutter ihre Hymne.
Mit „Karre of Love“ gibt es ein eher ungewöhnliches Liebeslied zu hören. Bereits vorab ausgekoppelt wurde die Single „Fallrückzieher auf Kopfsteinpflaster“. Um was geht es inhaltlich bei den beiden Titeln?
„Karre of Love“ ist eine Durchhalteparole für alle bei denen es kriselt, die aber trotzdem zusammen weiterkommen wollen. „Fallrückzieher auf Kopfsteinpflaster“ befasst sich mit den Widersprüchen unserer Handlungen in diesen schwierigen Zeiten. Niemand kann gemäß seiner Ethik und Moralvorstellung konsequent sein. Das Wissen darüber raubt uns den Antrieb, diese Welt noch für uns zu gewinnen. Das darf nicht sein! Wir müssen die Widersprüche aushalten und versuchen das Richtige zu tun.
Wie lief die Entstehung des Albums ab, gab es eine Art Vorproduktion?
Ich nehme den einzelnen Titel mit Gitarre auf und wenn der Song dann auch dem Produzenten viel, aber noch nicht alles zeigt, kommt er in die engere Auswahl. Über 30 waren es, von denen wir dann 11 ausgewählt haben. Aufgenommen wurde dann in Hamburg mit Produzent Felix Gerlach, der auch ein vielfältiger Musiker ist. Er hat u.a. auch schon mit Enno Bunger, Swiss und die Andern sowie Brockhoff gearbeitet.
Inhaltlich geht es bei Dir nie nur um reines Entertainment. Die Hörer sollen sich Gedanken machen, auch in politischer Hinsicht?
Natürlich beziehe ich Stellung gegen die AFD, aber in Sachen Social Media können das andere sicher besser. Gesellschaftskritisch zu sein, finde ich sehr wichtig.
Hast Du den ein oder anderen Lieblingstitel auf dem Album oder siehst Du es eher als Ganzes?
Das spirituelle „Anstecknadel“ gefällt mir sehr, ansonsten ist es eher tagesabhängig.
Live-Auftritte haben in Sachen Pohlmann immer eine große Rolle gespielt. In diesem Jahr gibt es mit Johannes Oerding und Fury in the Slaughterhouse prominente Förderer.
Ja, im Juli und August bin ich jeweils als Support unterwegs. Im Oktober und November folgt dann meine eigene „Beweggründe“-Tournee.
Wie man hören und lesen konnte, wurde Deine Band dafür aufgestockt. Das hatte aber eigentlich einen eher bedauerlichen Grund, richtig?
Mitte 2025 erlitt ich zwei Bandscheibenvorfälle im Bereich der Halswirbelsäule und musste daraufhin alle Live-Aktivitäten absagen, denn ich hatte taube Finger, Gitarre spielen war nur eingeschränkt möglich. Eine OP und Rehamaßnahmen haben die Situation verbessert, aber mit dem zusätzlichen Gitarristen hat die Band nur Zugewinn erfahren. Dann sind wir ein Quartett auf Tour.
Seit September 2025 Bist Du Ehrenmitglied der Hamburger Goldkehlchen. Was hat es damit auf sich?
Die Hamburger Goldkehlchen sind ein bekannter Männerchor aus rund 100 Mitgliedern, die eigentlich nicht singen können, aber mit viel Spaß, Humor und Charme große Hallen füllen. Nach zehn Jahren Live-Geschichte geben sie am 26. September 2026 im Volksparkstadion ihr letztes großes Abschiedskonzert. Alle Einnahmen aus den Konzerten wurden stets gespendet.
Wie und wobei entspannst Du vom kreativ sein und dem Druck des Musikgeschäfts?
Malen, angeln und ´sondeln´, also mit einer Metallsonde Flüsse zu erkunden.
Text: Frank Keil I Bilder: Ben Wolf und Katrin Schöning