Rock am Ring, Open-Air-Festivals und ein Buch


Rock am Ring, Open-Air-Festivals und ein Buch

40 Jahre Rock am Ring-Geschichte(n) (1985–2025)


Auch 41 Jahre nach seinem Debüt am 25./26. Mai 1985 toppt sich das dienstälteste deutsche Rockfestival „Rock am Ring“ wieder einmal selbst. Noch nie war #RaR so früh ausverkauft. Schon am 6. Oktober 2025 waren die 90.000 Tickets für das diesjährige Rock am Ring vom 5. bis 7. Juni 2026 in Rekordzeit vergriffen. Doch das ist nur eine von vielen Geschichten aus der „Ring-Saga“. Prof. Dr. Christof Graf war seit 1985 von Anfang an dabei und berichtete für zahlreiche Medien in Wort und Bild über die Festivallegende vom Nürburgring. Jetzt veröffentlicht er sein zweites „Rock am Ring“-Buch mit dem Titel: „Open Air – 40 Jahre Rock am Ring – Geschichte(n) (1985–2025)“.

Was fasziniert dich 41 Jahre nach deinem ersten „Rock am Ring“-Besuch noch immer an diesem Festival?

„Rock am Ring“ hat etwas, was andere Rockfestivals dieser Art in dieser Tiefe, Güte und Dichte nicht haben: eine nunmehr 41-jährige Geschichte und eine gewisse Einzigartigkeit. „Rock am Ring“ ist allein schon wegen der Location und der dortigen Atmosphäre unverkennbar und verändert sich dennoch, ohne seine Identität zu verlieren. Es ist neben Roskilde, Glastonbury und Coachella derzeit eines der schönsten Rockfestivals der Welt.

Warum gibt es nach deinem ersten Rock-am-Ring-Buch („30 Jahre sind nicht genug“) aus dem Jahr 2015 nun ein zweites Buch über Rock am Ring?

Ein solches Festival verdient es, im Buchformat dokumentiert zu werden. Das Buch versteht sich unter anderem auch als wissenschaftlicher Beitrag zur deutschen Festivalgeschichte der populären Musik. Es ist eine Veröffentlichung mit dokumentarisch-wissenschaftlichem und zeitgeschichtlichem Anspruch, die die Bereiche Sozialwissenschaften, Musikgeschichte, Ökonomie, Literatur und Kulturwissenschaft umfasst. Meines Wissens ist die nunmehr über 40-jährige Rock-am-Ring-Geschichte in dieser Form anhand von Texten und Fotos eines Zeitzeugen bis dato noch nicht dokumentiert worden.

Was unterscheidet dein aktuelles #RaR-Buch vom ersten?

Es ging mir nicht darum, einfach nur weitere zehn Jahre zu dokumentieren, sondern durch Updates und Upgrades einen neuen Ansatz zu verfolgen, unter anderem mit bisher unveröffentlichten Fotos. Das aktuelle „Open Air“-Buch bietet drei Kapitel: Kapitel I handelt von der deutschen Rockfestival-Geschichte seit den 1960er Jahren bis heute. Ich gehe hier natürlich auch auf die amerikanischen Ursprünge ein, weshalb ich im letzten Jahr auch das Woodstock-Festivalgelände in Bethel, New York, den Originalschauplatz der Mutter aller Festivals, für Recherchen und Interviews besucht habe. Kapitel II ist das umfangreichste Kapitel und arbeitet jedes Jahr von 1985 bis 2025 „Rock am Ring“ anhand von Zahlen, Daten, Fakten, Line-ups in alphabetischer Reihenfolge sowie mit knapp 1.000 Fotos von Künstlern, Bühnen und Publikum auf – onstage, backstage und frontstage. Kapitel III trägt die Überschrift „Quo Vadis“. Hier geht es um Zeitenwenden, Epochenbrüche und Generationswechsel in der Zukunft von RaR, aber auch um wirtschaftliche Aspekte, Eventkalkulation und soziologische Fragestellungen.

Wie sieht in deinen Augen das #RaR-Festival der Zukunft aus?

Die Zukunft findet längst statt. Auch darüber schreibe ich im letzten Kapitel, in dem es um Popmusik, Künstliche Intelligenz, Bots und Avatare geht, um KI-live-generierte Popmusik und Avatar-Konzerte. Virtuelle Künstler sind keine Zukunftsvision mehr: Die holografischen Auftritte von zum Beispiel Tupac Shakur (Coachella 2012) oder ABBA („Voyage“, London 2022) gelten als Pioniere einer neuen Art der Performance, in der Avatare physisch abwesende Musiker ersetzen oder ergänzen. Aber auch Kraftwerk entpersonalisierten die Akteure auf der Bühne, und auch die Glam-Rock-Band KISS plant, Avatare von sich auf Tournee zu schicken, ohne selbst aktiv auf der Bühne zu stehen. Angesichts des rasanten technologischen Fortschritts in Künstlicher Intelligenz, Robotik und virtueller Realität verändert sich die Art, wie wir Musik erleben, jedoch grundlegend. #RaR der Zukunft? Vielleicht als Mix aus digitalem Eventraum und weiterentwickeltem Gemeinschaftserlebnis im Freien?

Stimmt es, dass du der einzige Journalist bist, der seit 1985 über Rock am Ring berichtet?

So hat man es mir einmal gesagt. Ob es stimmt, weiß ich nicht. Aber ich glaube, ich bin der einzige BWL-Professor in Deutschland, der seit 40 Jahren zu Rock am Ring gepilgert ist, darüber berichtet und nun auch ein zweites Buch über Rock am Ring veröffentlicht hat.

Im Hauptberuf bist du Professor für Marketing und BWL an der ASW und htw im Saarland. Wie lässt sich das mit deiner Leidenschaft kombinieren?

Rockgeschichte ist Kulturgeschichte. Kulturgeschichte ist auch das Vermarkten von Kultur und ihrer Güter. Medien berichten darüber und kommunizieren diese Vermarktung. „Rock am Ring“ ist nicht nur ein mediales, sondern vor allem ein sozioökonomisches Produkt mit einem großen zweistelligen Millionenumsatz. Damit ist es für mich seit Jahrzehnten Beispiel eines wunderbaren Spiegels von Theorie und Praxis, von Kultur und Wirtschaft – und damit auch ein Thema, das mich persönlich ein Leben lang in Forschung und Lehre fasziniert.

In dem Buch gibt es knapp 1.000 Fotos auf 600 Seiten unterschiedlicher Machart aus fünf Jahrzehnten zu sehen. Was macht ein gutes Foto aus?

Für mich ist ein Foto – und ich spreche nicht von nachbearbeiteten oder gar KI-generierten Fotos – dann gut, wenn es die Wirklichkeit abbildet, wenn es eine Momentaufnahme ist. Mein Verständnis von Publizismus und Journalismus steht für Authentizität, für die Darstellung dessen, was man sieht, in dem Moment, in dem es passiert, weshalb ich auch immer gerne anhand von „Text und Foto(s)“ berichtet habe. Für mich ist ein Foto gut, wenn es dokumentiert, was passiert ist; Nachbearbeitung hat da keinen Raum. In meiner Buch-Doku geht es mir nicht nur um die Abbildung von Künstlern, sondern auch um Impressionen aus dem Publikum und von der Gesamtatmosphäre.

Was waren deine #RaR-Highlights?

Zu viele. Wir sprechen von etwa 2.500 Künstlern und Bands in 40 Jahren. In den 1980er Jahren spielten an zwei Tagen noch keine 20 Bands, in den 2000ern waren es schon bis zu hundert an drei Tagen. Niemand kann heute alles vor drei oder vier Bühnen sehen. Früher war das möglich, heute sucht man sich Künstler aus, die Relevanz haben. Die Auftritte von U2 1985, Fleetwood Mac 1988, Leonard Cohen 1993, Bob Dylan 1998 sowie sämtliche Metallica- und Toten-Hosen-Auftritte sind für mich erinnerungswürdig. Und die bisher sechs Linkin-Park-Auftritte mit Chester Bennington seit dem Jahr 2001 waren Highlights unter Highlights. Leonard Cohen begleitete ich damals ganztägig am Ring und fotografierte ihn mit der US-Schauspielerin Rebecca De Mornay und mit INXS-Sänger Michael Hutchence. Mein Buch ist voller Erinnerungen dieser Art, Anekdoten, Interviewauszügen sowie Hintergrund- und Vor-Ort-Berichten. Es werden alle „Häutungen“ und „Ereignisse“ thematisiert: von der Verlegung in die Südkurve des Nürburgrings 1987 wegen David Bowie über den Stromausfall 1997 und die Verlegung nach Mendig 2015 bis hin zu den dortigen Chaosjahren wegen Unwetter und Unglücken sowie der Terrorwarnung mit Evakuierung 2017 – um nur einige Beispiele zu nennen. Mit knapp 1.000 fotografischen Momenten aus meinem analogen und digitalen Archiv werfe ich Blicke auf eine fantastische „Rock am Ring“-Zeitreise.

Was hat sich in 40 Jahren „RaR“ verändert?

Der Zeitgeist. Jugendliche Lebensstile. Die Veränderung der Gesellschaft und der Umgang mit Medien. Der Übergang von der analogen in die digitale Welt. All das prägt die Eventkultur. Längst ist es nicht mehr nur die Inszenierung und ein erlebnisorientiertes Abbild der Rock- und Popgeschichte und ihrer zunehmend versterbenden Protagonisten. 2026 geht es um die Inszenierung derer, die #RaR zum Mythos gemacht haben: das Publikum. Es ist längst nicht mehr nur Besucher und Zuhörer, es ist Hauptakteur. Es sind nicht mehr die Bonos (U2), Dylans oder auch keine „Kraftklubs“, die das Publikum musikalisch unterhalten. Es ist das Publikum, das sich von den Künstlern nicht nur unterhalten, sondern auch inspirieren lässt, um sich selbst zu feiern. Im Laufe der Jahrzehnte wurde schnell erkannt, wie sich das Publikum selbst zum Headliner von #RaR machte. Rock am Ring hat sich von der rauen, ungeschliffenen Bierbecher- und Zigarettenkultur-Veranstaltung hin zu einer komfortableren, technologisch fortschrittlichen und gesellschaftlich bewussteren, jedoch seit 1985 bis heute auch zehnmal teureren Erlebniswelt gewandelt. Veränderte Erwartungen an das Gesamterlebnis – inklusive Gemeinschaftsgefühl, Nachhaltigkeit, Umweltbewusstsein, Innovation sowie Kundenansprache durch einen digitalen Kommunikationsmix – prägen die heutige Rock-am-Ring-Atmosphäre. #RaR ist geprägt von verschiedenen Besuchergenerationen. Egal ob Babyboomer, Generation X, Y, Z oder Alpha: Jede dieser Generationen hat ihre eigenen prägenden Erfahrungen, Werte und Charakteristika sowie ihren eigenen popmusikalischen Soundtrack des Lebens und dessen Akteure. Die Neil Youngs und Carlos Santanas finden längst nicht mehr statt. Heute sind es Slipknot, Volbeat und Linkin Park, die als Headliner agieren und das Publikum über drei Tage hinweg wie in einen David-Lynch-Film eintauchen lassen, in dem es selbst zum Hauptprotagonisten im Hier und Jetzt mit offenem Ende wird.

Was macht den Erfolg von #RaR aus?

Wirtschaftlich gesehen die Ausverkauftmeldung und das Erreichen des Break-even-Punktes. Der Erfolg eines Produktes zeichnet sich durch eine gute Inszenierung aus – und die benötigt gute Akteure, die eine gute Story an einer guten Location auf einer guten Bühne vor einem guten Publikum erzählen können. Solange das gewährleistet ist, wird #RaR auch noch in zehn Jahren und darüber hinaus erfolgreich sein.

Interview: Markus Brixius 

Bilder: Prof. Dr. Christof Graf


OPEN AIR – 40 Jahre ROCK AM RING – Geschichte(n) (1985–2025)
Ca. 600 Seiten, knapp 1.000 Fotos, Preis: 39,90 Euro, COD-Verlag Saarbrücken
ISBN 978-3-945329-13-9