Erasure – Synthypop deluxe

Der Sänger Andy Bell bildet gemeinsam mit dem Musiker Vince Clarke seit 1985 das britische Synthie-Pop-Duo Erasure. Zusammen haben die beiden Künstler mehr als 40 Hitsingles veröffentlicht und weltweit über 25 Millionen Alben verkauft. Mit „The Neon“ veröffentlichen die beiden am 21. August ihr insgesamt 18. Studioalbum (Vinyl, CD und sogar Kassette). Nach wie vor bürgen Erasure für musikalische Güte und verstehen noch immer, worum es im Elektronik-Pop geht. Im Gespräch mit Andy verrät uns der sympathische Londoner mit Wahlheimat Miami/Florida reichlich Interessantes.

Vince Clark war Gründungsmitglied von Depeche Mode, verließ sie 1981 und war dann zusammen mit Sängerin Alison Moyet bis 1983 als Yazoo erfolgreich. Danach folgten weitere Projekte, aber erst mit Dir fand er den so lange gesuchten kongenialen Partner. Erinnerst Du Dich noch an die Gründung von Erasure und wie alles angefangen hat?

Selbstverständlich. Ich lebte in einer Gay-WG, hatte erste musikalische Erfahrungen in London gesammelt. Abba, Blondie, Human League, Selecter, Yazoo – mein Musikgeschmack war damals sehr vielfältig. Über eine Anzeige im Melody Maker suchte Vince einen Sänger, nannte sich in der Anzeige aber nicht. Erst als ich mich bewarb wurde mir am Telefon gesagt, dass er sucht. Ich sang dann vor und wenige Tage später bekam ich das OK, ich entsprach genau seinen Vorstellungen. Vince hatte noch mit The Assembly zu tun, gab mir aber einen großzügigen Vorschuss, damit ich nicht irgendwo anders anheuerte.

Introvertierter Klangbastler und außergewöhnlicher Sänger. Vor allem eure Live-Shows sind bis heute spektakulär, die Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Die Chemie zwischen Euch stimmt nach wie vor.

Es ist in der Tat so etwas wie Liebe zwischen uns, eine Art größtmöglicher Empathie, die uns bis heute nicht aneinander zweifeln lässt, angefangen beim erfolgreichen Debüt „Wonderland“ (1986), der einen Abba-Boom auslösenden „Abba-esque-EP“ (1992) über Krisen und Comeback bis hin zu „World Be Gone“ mit dem wir 2017 nach 24 Jahren wieder die UK Top Ten-Charts erreichten.

2018 wurde zwischenzeitlich „World Beyond“ veröffentlicht. Was hat es damit Besonderes auf sich?

Es ist quasi eine Neueinspielung von „World Be Gone“ in einem post-klassischen Gewand. Wir haben es in Brüssel mit den sieben Musikern des Echo Collectives eingespielt und damit den ersten Platz der Billboard-Classical Charts erreicht.

Vince lebt mit seiner Ehefrau in New York, Du mit Deinem Ehemann in London und Miami. Jeder geht eigenen Projekten nach, Du zuletzt mit Torsten und mit Theaterarbeit. Daneben zählt PETA auf Deine Unterstützung, ebenso die AIDS-Hilfe und die LGBT-Bewegung. Ist da überhaupt noch Zeit für Erasure?

Ich bin seit 1998 HIV-positiv und habe mich bereits 2004 geoutet. Unsere Erfolge mit Erasure haben es mir ermöglicht, mich in vielerlei Hinsicht aktiv zu engagieren und an gesellschaftlichen Veränderungen, vor allem im Hinblick auf die LGBT-Community mitzuwirken. Was Erasure betrifft sind wir trotzdem immer im Austausch, Synthpop wird uns immer verbinden. Für „The Neon“ gab es keinen exakten Plan. Vince hatte 2019 erste Tracks in seinem mit Synthesizern vollgepackten Studio vorbereitet, ich ihn dort für einige Zeit besucht. Wir improvisierten Melodien und Texte, es zeichnete sich schnellab, dass die neuen Stücke für „The Neon“ mehr radiotaugliche Uptempo-Nummern mit ´catchy´Harmonien werden und zur Veröffentlichung taugen.

Insgesamt sind es dann 10 Stücke zwischen „Hey Now (Think I Got A Feeling)“ bis hin zu „Kid You´re Not Alone“ geworden. Man kann zweifelsfrei hören, dass ihr euch mit allen Titeln identifiziert und bei den Aufnahmen spirituell mit euch selbst im Reinen wart. Wie und wo habt ihr das Album dann fertiggestellt?

Wir haben versucht den Stücken dieses nostalgische 1980er Jahre-Feeling zu geben, mit dem wir uns nach wie vor identifizieren. Und gleich der Opener, die erste Single versprüht diese Kreativität und Begeisterung, die sich mit Stücken wie „Shot A Satellite“ oder „Tower Of Love“ fortsetzt. Besondere Bedeutung hat für mich der Titel „Doiamond Lies“ sowie „Nerves Of Steel“, den ich meinem Ehemann gewidmet habe. Alle Vocals habe ich final in einem analogen Studio in Atlanta/USA eingesungen, es strahlt diese Spiritualität aus, die Vergangenheit mit Gegenwart und Zukunft verbindet und mehr als alles andere für Erasure steht.

Neon ist ein chemisches Element, ein Edelgas. Durch Gasentladungen bringt es Röhren zum Leuchten. Diese Neonbeleuchtung wird bis heute für vielfältige Neonreklame verwendet, seit den 1960er Jahren vor allem auch in der Kunst. Hat der Albumtitel eine tiefere Bedeutung für Euch?

Neon hat mich schon als Kind fasziniert. ´Old fashioned´ aber ´still modern´. Im Londoner Stadtviertel Walthamstow gibt es das sogenannte ´God´s Own Junkyard´, Europas größtes Neon-Museum für Schilder und Objekte, ein fantastischer Ort. Er hat mich zum Albumtitel inspiriert und dort wurden dann auch die aktuellen Cover-Shootings gemacht.

Synthesizer-Pop hat auch in Deutschland eine lange Tradition, Acts wie Alphaville oder Camouflage kennt man weltweit. Neue Gruppen wie Sea Of Sin oder St George beleben die Szene. Verfolgst Du auch international, was in diesem Genre passiert?

Immer noch, vor allem, wenn ich im Urlaub bin und Zeit habe, mich vor Ort damit zu beschäftigen, so wie in den 1980er Jahren, wo ich einige Zeit in Berlin gelebt habe. Als Sammler heute weniger, meine Vinyl- und CD-Sammlung habe ich aus Platzgründen in einer Lagereinrichtung untergebracht und beschränke mich musikalisch auf mobile Endgeräte.

The Neon“ wird sogar als Kassette veröffentlicht. Wegen der alten Zeiten?

Nein, Kassetten sind einfach wieder angesagt, es ist ein Trend. Und den bedient unser Label Mute damit.

Text: Frank Keil. Bilder: Phil Sharp