Extrabreit – Polizei verspotten. Schule anzünden. War das schon alles?

Das 1978 gegründete, deutschsprachige Quintett aus Hagen ist eine der kommerziell erfolgreichsten Gruppen der frühen 1980er Jahre. In ihrer über 40jährigen Bandgeschichte erlebten sie viele Höhen, aber auch Tiefen inklusive kreativer Pause/Auflösung zwischen 1998-2002. Einzig verbliebenes Gründungsmitglied ist bis heute Gitarrist Stefan ´Kleinkrieg´ Klein. Als Aushängeschild von Extrabreit gilt nach wie vor Sänger, Kai ´Havaii´ Schlasse, ein Comiczeichner, der bereits 1979 zur Band stieß. 12 Jahre sind seit ihrem letzten Studioalbum vergangen dem jetzt „Auf Ex!“ (Premium Records/Soulfood) folgt. Keinesfalls ein Abschied, wie Kai im Interview unterstreicht.

Kommt heute die Sprache auf die ´Neue Deutsche Welle´ fällt auch immer der Name Extrabreit. Darauf sollte man euch aber nicht reduzieren. Wo ordnest Du die Band stilistisch ein?

Anfänglich zwischen Rock´n Roll, Pub Rock, Punk und Deutschrock. Die erfolgreichen Singles “Polizisten“ und „Hurra, Hurra, die Schule brennt“ prägten die Neue Deutsche Welle entscheidend mit, wir haben damals eben mitgemacht. Was auch zu Ablehnung und Neid geführt hat. Später hat sich der Stil gewandelt, wurde experimenteller und elektronischer. Eine Zeit lang haben wir auch auf Englisch gesungen. Seit Anfang der 1990er Jahre fühlen wir uns im Genre Deutschrock mit alltagstauglichen Texten hervorragend aufgehoben.

42 Jahre aktiv zu sein sichert Extrabreit in der deutschen Musiklandschaft eine Ausnahmestellung. Was sicher nicht nur an der umfangreichen Diskografie liegt?

Nein, vor allem dank der Besinnung auf unserer Identität als Live-Combo die stets den direkten Kontakt zum Publikum gesucht hat. Und die trotz ihres Alters, bis auf Lars, sind alle über 60 Jahre alt, voller (Bühnen-)Energie strotzt.

Hagen, das ´Tor zum Sauerland´ als Stadt in der eure Rock´n Roll-Karriere begann. Wo leben die Bandmitglieder denn heute?

Stefan, Gitarrist Bubi Hönig und Schlagzeuger Rolf Möller immer noch in Hagen. Bassist Lars ´Larsson´ Hartmann in Dortmund. Und ich in Hamburg. Aber wir haben unseren Proberaum immer noch in Hagen, den gleichen seit mehr als 40 Jahren.

Kommen wir auf die größten Erfolge von Extrabreit zu sprechen, auf Höhen und Tiefen. Und die äußerst beliebte Weihnachts-Blitztournee.

Kommerziell erfolgreich waren die frühen 1980er Jahre mit zwei Goldenen Schallplatten, das erste Comeback Anfang der 1990er Jahre. Die historischen Duette mit Hildegard Knef und Harald Juhnke. Doch Umbesetzung werfen Dich oft zurück. Und es gab Zeiten, da waren wir ausgebrannt, gelangweilt von uns selbst. Da fehlte kreative Energie zum Weitermachen, besonders 1998-2002. Seit der Reunion ist die aktuelle Besetzung aber wieder zu 100% dabei, mit aufgeladenen Akkus. Es passt privat und beruflich. Das 1000. Konzert 2005, die Zusammenarbeit mit dem Philharmonischen Orchester Hagen 2008, das 40jährige Bandjubiläum – alles wieder Extrabreit-Highlights. Nicht zuletzt die jährliche Weihnachts-Blitztournee seit Dezember 2002, die in diesem Jahr leider erstmalig ausfallen muss. Dafür wird sie 2021 von Anfang November bis Ende Dezember nachgeholt.

Jetzt also „Auf Ex!“. Zwischen dem Uptempo-Opener „Fressen aus dem Pott“ und „War das schon alles“ kritischer, ironischer Rock´n Roll/Deutschrock. Trotzig und altersweise. Wie kam es zu diesem ´klassischen´ Album?

Ein erstes Lebenszeichen gab es schon 2019 mit „War das schon alles“. Dann kam der Virus. Corona hat Deutschland seit März 2020 fest im Griff. Da schien uns im April die Durchhalte-Hymne „Und über uns der Himmel“, ein Hans Albers-Cover sehr passend. Übrigens 40 Jahre nach „Flieger, grüß mir die Sonne“. Da war es nicht weit zum Album, dass im Vergleich zu „Neues von Hiob“ (2008) für mich stimmiger, griffiger wirkt. Vom Themenspektrum her breit gefächert, mit einem guten Produzententeam (Danielak/Kühnlein) im Schallsucht-Studio in Hagen hervorragend umgesetzt.

13 Stücke, drei Bonustitel, darunter „Immer wieder Extrabreit“. Hast Du den einen oder anderen Lieblingstitel auf der neuen CD?

Um ehrlich zu sein, änderst es sich beständig. Sicher auch mit dem nötigen Abstand zum Veröffentlichungsdatum Mitte November. Aktuell mag ich die Rock´n Roll-Nummer „Mary Jane“ und die Ballade „Gib Mir Mehr Davon“ ganz besonders gerne.

Stichwort Literatur. Stefan hat bereits ein Buch (Kurzgeschichten & Räuberpistolen) geschrieben, Du mit „Hart wie Marmelade (Erinnerungen) und dem erfolgreichen Kriminal-Roman „Rubicon“ schon zwei. Neue Herausforderungen?

Das Schreiben von Büchern ist mir sehr wichtig geworden und ich fühle mich dabei sehr wohl. Die Arbeitsweise ist im Vergleich zum Songwriting auch anders, man braucht einen viel längeren Atem. Diesen Mehraufwand scheue ich aber nicht. Das positive Feedback der Fans und der Erfolg von „Rubicon“ haben mich definitiv angespornt. Ein neuer Thriller ist bereits in Arbeit.

Erste Impfstoffe versprechen Erfolge gegen die Covid-19-Pandemie und eine Rückkehr zum normalen Kunst- und Kulturbetrieb ab Frühjahr/Sommer 2021. Wie sieht es mit eurer aktuellen Tournee-Planung aus?

Derzeit ist alles auf Eis gelegt. Niemand kann sagen wie es weitergeht. Noch ist es finanziell für uns zu stemmen. Aber Verschiebungen von Terminen sind nervig für die Fans und für uns. Außerdem mit Arbeit und Kosten verbunden. Mit der Show in Bonn/Harmonie am 03. April wollen wir dann aber wieder durchstarten.

Text: Frank Keil. Bild: PR

www.die-breiten.de