Götz Widmann -Tohuwabohu

Lieber Götz, du bist seit Mitte Dezember mit deinem neuen Album Tohuwabohu auf Tour. Jetzt hast du bis April noch knapp ein Viertel der Termine vor dir. Wie geht’s dir bis jetzt und wie siehts mit deinem eigenen Energiehaushalt aus?

Ich werde immer wieder gefragt wie es geht, so lange Touren durchzuhalten. Aber das ist alles gar nicht so schlimm wie alle immer denken. Es ist tatsächlich so, dass man jeden Abend unglaubliche Mengen von Energie vom Publikum bekommt. Wenn man sieht wie die Leute sich freuen und feiern überträgt sich die gute Laune sofort. Da ist auch der allerschlimmste Kater in zwei drei Minuten weg. Nach einem Konzert habe ich immer einen ganz tiefen Frieden in mir, das trägt einen durch so eine Tour, ich geniesse das. Bin immer auch ein bisschen traurig, wenn es vorbei ist. Und dieses Mal ist es auch irgendwie besonders erfrischend durch die neuen Songs, die das Programm spürbar aufgelockert haben, das ist wie eine Frischzellenkur und macht es für mich jeden Abend spannend.

Der erste Song deines neues Albums TOHUWABOHU heißt „Europa“. Dort willst du einen europäischen Nationalfeiertag, jedoch sind innerhalb des Kontinents gerade eher gegensätzliche Bewegungen im Gange. Wie nimmst du die kommende Abspaltung Großbritanniens von der EU war?

Ich träume schon mein ganzes Leben davon, irgendwann mal in den Vereinigten Staaten von Europa zu leben. Die Probleme, die wir gerade in der Welt haben und die verdammt dringend sind, meiner Meinung nach, lassen sich nur auf globaler Ebene lösen, jenseits von irgendwelchen bescheuerten nationalen Egoismen. Nichts hat in der Geschichte der Menschheit mehr Leid erzeugt als Nationalismus, das einzige was vielleicht ähnlich schlimm war sind Religionen. Eigentlich müsste sich jeder denkende Mensch eine vereinigte Welt als Fernziel wünschen. Ich glaube nicht dass das so bald realistisch wird, aber Europa wäre ein ziemlich guter Schritt in die richtige Richtung und das könnten wir vielleicht zu meinen Lebzeiten noch schaffen. Ich weiss dass in der EU gerade viel falsch läuft und das alles extrem suboptimal gemanagt wird. Aber das ist für mich überhaupt kein Grund diesen Traum aufzugeben, der uns 75 Jahre Frieden in einer Region beschert hat, wo sich früher alle immer nur die Köpfe eingeschlagen haben. Man muss sich nur mal vorstellen was für ein großartiges Land das wäre, ich würde da sehr gerne leben. Deswegen tut mir auch jede Form von Separatismus und dieser ganze neue Nationalismus, der sich überall verbreitet in der Seele weh. Ich hätte vor 15 Jahren gewettet dass wir heute schon viel weiter sind. Leider hat sich da vieles in die absolut falsche Richtung bewegt.

Was erhoffst du dir davon, wenn Menschen deine Musik hören?

Bei meinen Konzerten geht es mir natürlich erstmal darum den Leuten einen schönen Abend zu machen. Party gehört bei mir immer dazu, es ist einfach geil da als der Typ mit der Nylongitarre vor den Leuten zu stehen und die sind voll am Tanzen und Durchdrehen. Wenn man dann zwischendurch noch ein paar Themen ansprechen kann, die einem ernsthaft wichtig sind, umso schöner. In den fast 30 Jahren die ich das schon mache habe ich gelernt, dass man seinen Einfluss als Musiker nicht überschätzen sollte. Aber man kann den Leuten auf jeden Fall ein paar Denkanstöße geben, sie auf Dinge hinweisen, von denen sie so noch nicht gehört haben, Gefühle transportieren. Was mich immer am meisten freut ist es wenn mir Leute erzählen, dass meine Lieder ihnen in ganz besonders schweren Lebenssituationen geholfen haben. Ich glaube das ist eigentlich das größte Kompliment was man als Songschreiber bekommen kann.

Der letzte Song deines neues Albums heißt „Klimakatastrophe“ und beschäftigt sich mit einer ironischen Zukunftsversion von Köln als Venedig der Zukunft und Europa als Machtzentrum der Welt. Denkst du, dass uns nur noch Ironie helfen kann, um kopflose Klimawandelleugner zur Vernunft zu bringen?

Der Text zu dem Lied stammt tatsächlich aus dem Jahr 2005. Das ist jetzt also 15 Jahre her. Wir wussten das alles damals schon, und es ist gefühlt nichts passiert seitdem. Die Gier ist einfach stärker. Ich glaube dass uns zukünftige Generationen dafür zu Recht hassen werden. Wer jetzt noch aus wahltaktischen Gründen oder um mehr Profit zu machen den Klimawandel leugnet, begeht meiner Meinung nach ein Verbrechen gegenüber der ganzen Menschheit. Die Geschichte wird diese Menschen mit größtmöglicher Verachtung bestrafen, aber dann wird es leider zu spät sein. Die Skrupellosigkeit dieser Leute fügt unserem Planeten irreparablen Schaden zu. Aber am Ende sind wir es doch alle. Wir wissen eigentlich was wir tun und tun es trotzdem. Unsere Versäumnisse heute werden für Tod und Elend von mehr Menschen verantwortlich sein als vielleicht alle Kriege zusammen, die es bisher in der Geschichte gegeben hat. Im zweiten Weltkrieg sind etwa 50 Millionen Menschen gestorben. Wenn ich mir vorstelle dass Afrika in 20-30 Jahren unbewohnbar sein wird, wie das viele prognostizieren, werden das Dimensionen, die alles bisher Dagewesene sprengen. Und davon werden alle betroffen sein in irgendeiner Form. Das Zynische daran ist aber, dass es die Leute als erste erwischt, die am wenigsten dafür können. Und unsere einzige Antwort darauf ist Mauern und Zäune bauen. Die Ironie ist also eher ein Ausdruck der Verzweiflung, ein makabrer Witz aus Fassungslosigkeit über unsere kollektive Dummheit.

Du hast 2001 dein erstes Solo-Album heraus gebracht. Deine Texte handeln vom Leben, von Katastrophen, Politik, Drogen und aktuellen Weltgeschehnissen. Was bringt dir immer wieder neue Inspiration?

Naja genau das, das Leben, die Katastrophen, Politik und Weltgeschehnisse. Drogen sicher auch, das kann bei mir ruhig jeder wissen, am liebsten Hanf und Hopfen. Ich finde die neuen Songs überall, am besten ist es aber wenn ich paar Tage Zeit habe und irgendwo in einer Küche oder in einem Garten sitzen und ganz in Ruhe arbeiten kann. Ich fahre auch gerne mal eine Woche weg zum Schreiben, die Texte entstehen bei mir meistens zuerst, wenn die fertig sind kommt die Musik meistens von selbst.

Denkst du die Welt und die Gesellschaft in der wir leben, werden dir immer genug Inspiration für neue Lieder bringen?

Bis jetzt war es jedenfalls immer wieder so, Songs entstehen bei mir natürlicherweise, wenn ich mich über irgendetwas besonders freue oder besonders aufrege. Naja und solche Situationen bringt das Leben doch nun mal in völlig ausreichender Frequenz mit sich. Ich glaube ich werde niemals aufhören das in Texte fließen zu lassen, solange ich lebe. Das ist mein natürliches Ventil und meine Therapie für alles mögliche, hat mir wahrscheinlich schon mehrmals das Leben gerettet.

Interview: Antonia Weber Bild: Privat