Monsieur Chanson – Gerd Heger über die Liebe oder Nichtliebe der Saarländer zu französischem Liedgut

Auch in diesem Jahr bietet das Festival Perspectives wieder ein schickes Musikprogramm. SR 2 Kulturradio präsentiert in diesem Rahmen Sängerin und Musikerin Léopoldine HH aus dem schönen Elsass. Wir haben uns mit dem Radiomann und Experten für frankophone Musik, Gerd Heger, darüber unterhalten, wie das eigentlich so ist – mit dem Chanson – im Saarland. 

Als großer Verfechter der deutsch-französischen Freundschaft versuchst du ja immer wieder, in der Musik Bindeglieder zu finden. Welchen Stellenwert hat für dich das Chanson diesseits der Grenze im Jahr 2019?

Man muss ehrlich sagen, in Deutschland erzeugt das Wort Chanson Gähnkrampf. Zumindest bei jüngeren Semestern. Die Klassiker aus der Nachkriegszeit versinken so langsam in der Vergangenheit – obwohl in Frankreich eine unglaublich vielfältige Szene sie nach wie vor verehrt. Und nachahmt. Ganz junge Leute machen dort „Chanson“, haben aber natürlich die gesamte Popmusik drauf – nicht nur aus Frankreich – von den 80ties bis heute. Mit guten französischen Texten gibt das diesen speziellen French Touch, eher gute Poesie mit jeder Art von aktueller Musik. Beides – Klassiker und Neues – gibt es im Saarland reichlich: Kein Witz: Über 100 Konzerte laufen hier auf der Grenze im Jahr mit frankophoner Musik

Du bringst deinen Hörern und dem saarländischen Publikum gerne hierzulande eher unbekanntere Künstler näher und hast auch im diesjährigen Programm von Perspectives mit Léopoldine HH ein Bonbon in der Auslage. Worauf freust du dich am meisten?

Das ist tatsächlich der einzige Act, bei dem SR 2 KulturRadio ein bisschen mitgemischt hat – den Rest des Programms kriegt die Crew von Perspectives ganz prima alleine hin. Léopoldine HH ist eine Wuchtbrumme – Chanson beschreibt diese poetische Naturgewalt nur unzureichend, man muss nur mal auf Youtube nach ihr schauen. HH steht für die Eltern: Liselotte Hamm und Jean-Marie Hummel waren in den 80ern und 90ern DAS deutsch-französische, elsässische Kleinkunstchansonduo. Drei Kinder, alle machen Musik, und Léo – die sogar aus Quatsch schon bei The Voice in Frankreich war und über die Blind Auditions rauskam – sie schreibt ihre Texte selbst, Musik auch, ist Theaterschauspielerin, hat 1000 Projekte am Start und keiner geht ungerührt aus ihrem Konzert raus.

Welche Empfehlungen hast du in diesem Jahr für das jüngere Publikum, das vielleicht normalerweise mit Chansons eher weniger am Barret hat?

Es ist ja kein wirkliches Chansonprogamm im Festivalclub, sondern eher eine Art frankophones Minipopfestival IM Festival. Zwei Topacts: La Maison Tellier und Grand Blanc (letztere auch Hitparadenleute, die ursprünglich aus Metz kommen), zwei Neuentdeckungen: die Videofrau und Fotografin Camp Claude und Potochkine, die eher aus dem Elektrobereich kommen, aber witzige französische Texte haben. Und dann noch Rockchanson mit Zylinder (also witziger Bühnenshow): Ernest aus Paris – alles immer um 22 Uhr im Club. Darf man sich alles antun – und danach in den Sektor-Heimat-Club.

Was würdest du dir abschließend noch wünschen, um die deutsch-französische Beziehung im kulturellen Bereich noch weiter zu stärken? Jenseits von Leuchtturmprojekten wie Perspectives läuft ja eher wenig, oder?

Es gibt da nur einen Wunsch: Ein echtes Budget für die Frankreichstrategie der Landesregierung (gibt es nämlich nicht). #kulturkostethalt – und grenzüberschreitende Kultur kostet noch mehr. Alles andere sind Sonntagsreden. Wer kein Geld reinsteckt, keine Leute bezahlt und Strukturen schafft, der kann die Leuchttürme ruhig man in der Bretagne und an der Nord- und Ostsee lassen. Ideen und kleine Initiativen gibt es übrigens massenhaft – die sind nur nicht so bekannt.

Text: Redaktion | Bild: Leopoldine HH © Calypso Baquey

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