Musikfestspiele Saar 2019 – Interview mit Youtube Star Pianistin Valentina Lisitsa

Unter dem Motto „New Generation“ knallt es dieses Jahr so richtig bei den Musikfestspielen Saar. Zum 30-jährigen Jubiläum finden innerhalb von 4 Wochen bis zu 23 Konzerte überall im Saarland und über die Grenze hinaus statt. Besonders spannend sind die vielen jungen Künstler und Orchester, die dem Motto entsprechend vor allem ein jüngeres Publikum für die klassische Musik begeistern sollen und können. Darunter auch die Youtube Star Pianistin Valentina Lisitsa, die am 3.5. an der Universität des Saarlandes ein Solo-Konzert geben wird.

Frau Lisitsa, Sie haben mit drei Jahren angefangen, Klavier zu spielen, und hatten bereits 1991 Ihren ersten Preis gewonnen. In den folgenden Jahren gaben Sie Konzerte mit mehreren tausend Zuschauern. Sie haben 2007 begonnen, als erste Musikerin der klassischen Musik Videos auf Youtube hochzuladen. Was passierte, nachdem Sie Ihr erstes Video veröffentlichten und was passierte mit Ihrer Karriere?

Zunächst nichts. Ja, ich hatte zwar zunächst mit z.B. einer Etüde von Rachmaninov oder einem Stück von Chopin etwas Erfolg, aber es hat sehr lange gedauert mein eigenes Publikum zu schaffen. Noch länger hat es gedauert, die Leute in der Musikbranche davon zu überzeugen, dass dies ein angemessener Weg der Veröffentlichung ist. Bis heute ist es nicht immer leicht. Trotz des renommierten Plattenlabels, den Touren rund um den Globus auf weltbekannten Bühnen, wie der Royal Albert Hall in Paris, der Berliner Philharmonie oder dem Beijing Art Center, um mal Einige zu nennen, höre ich immer wieder den Satz „Für eine Youtuberin ist sie keine schlechte Pianistin“. Aber ich lächle nur und mache weiter das, was ich so sehr liebe.

Warum denken Sie hat vor Ihnen niemand im klassischen Bereich diese Plattform in dieser Art genutzt?

Klassische Musik ist ein bisschen in ihren eigenen Mythologien und Ritualen gefangen. Es ist eine Schande, dass wir Konzerte wie eine Art „japanische Teezeremonie“ behandeln: mit Künstlern, die ordentlich im Smoking gekleidet sind, sich unaufhörlich verbeugen und zwischen den Stücken auf der Bühne promenieren. Es ist noch nicht lange her, als das Publikum Liszt und Paganini wie Rockstars feierte und die Menge bei Strawinskys „Sacre de printemps“ – Premiere regelrecht randalierte vor Begeisterung. Wir sind selbstgefällig und faul geworden und wollen nichts Neues ausprobieren, gleichzeitig beschweren wir uns über das Schrumpfen und „Altern“ des Publikums. Youtube erwies sich als ein perfektes Werkzeug, um ein neues und jüngeres Publikum dazu zu bringen, klassische Musik zu hören ohne die strenge, altmodische Sicht der „Erwachsenen“.

Sie geben immer noch Konzerte vor Live Publikum, was ist für Sie der Unterschied zur Internet Community?

Live Konzerte zu geben ist das, was die Kunst ausmacht. Musik war schon immer eine soziale Kunst, schon zu der Zeit als wir in Höhlen auf Trommeln aus Tierhaut zusammen musiziert und getanzt haben. Wir lieben es Musik zusammen zu machen, ob als Künstler oder Zuhörer. Kein Youtube und keine CD, oder was als nächstes an Technik auf den Markt kommt, wird dieses Erlebnis des Zusammenseins und Zusammen Hörens ersetzen können. Genau wie kein HD TV das Erlebnis im Stadion ersetzen kann. Niemand kann dieses Gefühl der Interaktion zwischen Künstler und Zuhörer ersetzen. Es ist einfach eine besondere Anziehungskraft, die solche Konzerte unvergesslich machen.

Im Rahmen der Musikfestspiele Saar werden Sie an der Universität des Saarlandes ein Konzert geben. Auf was können sich die Konzertbesucher freuen und auf was freuen Sie sich am meisten?

Meine 11 CD mit den gesamten Tchaikovsky Klavierstücken wird bald erscheinen. Es ist mit Abstand die größte Aufnahme, die ich bisher gemacht habe. Als ich gefragt wurde, ob ich das machen kann, wusste ich nicht mal, dass es so viele Tchaikovsky Stücke für das Klavier gibt. Er hat sogar Beethoven in seinem Umfang übertroffen! Denken Sie nur darüber nach – Beethoven erreichte seinen Höhepunkt in Sinfonien, Kammermusik, Klaviersonaten, nicht so mit Opern- oder Vokalwerken. Tschaikowsky ist erfolgreich in Oper, Ballett, Sinfonien, Liedern, Kammermusik und Klavierwerken. Ich war verblüfft, Stücke zu entdecken und zu erlernen, die mit den Besten von Chopin oder Brahms vergleichbar sind – völlig unbekannt, gar nicht aufgeführt oder überhaupt aufgenommen und das vom weltweit beliebtesten Komponisten. Ich begebe mich auf eine Art Mission, unbekannte Tschaikowsky-Werke bei klassischem Publikum und Studenten gleichermaßen beliebt zu machen. Für die Festspiele des Saarlandes bereite ich eine Auswahl unbekannter Tschaikowsky-Werke vor (wahrscheinlich werden auf dieser Bühne viele zum ersten Mal zu hören sein), die unterschiedliche Blickwinkel seiner Kunst zeigen, von sehr öffentlich bis sehr intim. Es wird ein Abend voller Entdeckungen.

Text: Anna Rissel |Foto: Valentina Lisitsa by Gilbert Francois, Slawomir Zubrzycki, Klaudyna Schubert, Landes-Jugend-Symphonie-Orchester, Roger Paulet

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