Svenja Böttger – Über das (Online) Filmfestival Max Ophüls Preis 2021

Lange hat das Team des Filmfestivals Max Ophüls Preis mit der Entscheidung gewartet. Hoffen, bangen, hadern und täglich in die trübe Glaskugel blicken war angesagt. Mitte November kam dann die Mitteilung, dass die Veranstaltung im kommenden Jahr in den digital Raum verlegt wird. Einen Plan-B hat Festivalleiterin Svenja Böttger allerdings schon in der Tasche, denn die Möglichkeit, dass #ffmop42 online stattfinden könnte, wurde früh mitgedacht.

Liebe Svenja Böttger, in knapp einem Monat ist es wieder soweit. Saarbrücken erleuchtet blau und wir alle geraten wieder ins Filmfieber. Dieses Mal wahrscheinlich etwas anders als in den Vorjahren. Vor allem am Anfang des ersten Lockdowns haben sich viele Menschen dem Medium Film zugewandt. Wie siehst du Film in der Krise und was können Filme bei dir auslösen?

Absolut, Film ist für mich immer eine Möglichkeit zur Inspiration, aber auch zur Erweiterung meiner Sehgewohnheiten und meines Horizonts anderen Gesellschaften und Themen gegenüber. Dass man von dem Alltäglichen mal kurz eine Pause hat und in eine andere Welt eintauchen kann. Das kann einem in einer solchen Krise einfach unglaublich viel geben. Genauso wie die anderen kulturellen Bereiche, ist auch Film ein wichtiges Mittel, um einen gesellschaftlichen Zusammenhalt zu schaffen. Eine Gesellschaft definiert sich nicht darüber, was lebensnotwendig ist, sondern wie sie mit relevanten sozialen Fragen umgeht, welches Verständnis sie von Demokratie und Gesellschaft entwickelt. Film als Teil von Kultur kann in diesem Sinne definitiv einen gesellschafts- und demokratiefördernden, wenn nicht sogar -erhaltenden Beitrag leisten. Ich finde es wichtig und toll, dass das Medium für alle Altersgruppen etwas bereithält und dass es in jeder Sprache, in jedem Genre und für jedes Interesse etwas zu entdecken gibt. Deshalb sagen wir auch, dass wir die Vielfalt an gesellschaftlichen Themen und ästhetischen Formen eines Jahrgangs abbilden möchten. Daran kann man immer erkennen, was für diese neue Generation an Filmemacher*innen in den letzten zwei bis drei Jahren prägend war.

Als Antwort auf die Krise finde ich es umso wichtiger, dass man der essentiellen Bedeutung von Kultur und Film für die Gesellschaft mehr Verständnis entgegenbringt. Eine Absage kam für uns deshalb nie in Frage. Wenn man Kunst und Kultur absagt, bedeutet dies auch immer, dass man vor einer Krise kapituliert und sie in dem Sinne auch nicht anerkennt, sondern sich arrangiert. Die Krise wird uns auch 2021 noch beschäftigen. Vielleicht haben wir Glück und ab 2022 wird es normaler, aber man muss lernen, mit der Situation zu leben und Chancen zu ergreifen, die sich dadurch ergeben können.

Natürlich trifft uns die Pandemie als Filmfestival trifft hart, aber wir sind dankbar, dass wir überhaupt etwas online gestalten und zeigen können. Dass wir uns aber auch weiter entwickeln können und merken, welche Bedeutung diese Krise für uns, aber auch für die Filmbranche hat. Unsere Antwort auf die Krise ist nicht, das Festival als 1:1-Kopie der Vorjahre online abzubilden, sondern das besondere Festivalgefühl, das Ophüls ausmacht, die Herzlichkeit, die Gespräche und das persönliche Kennenlernen online erfahrbar zu machen. Neben unserer Streaming-Plattform wird es daher auch einen interaktiven, linearen Web-Kanal geben, der für die gesamte Festivalwoche mit Musikvideos, mit weiterführenden Gesprächen, mit Live-Sessions, mit unseren SR-Talks usw. bestückt wird. Unser Anspruch ist es, eine Antwort darauf zu finden, wie man den Eventcharakter des Festivals zu transportieren und der Streaming-Plattform Lebendigkeit verleihen kann.

Wie sieht es mit dem sonstigen Rahmenprogramm des Festivals aus?

Wir werden aus der Blauen Stunde eher eine Blaue Woche machen. Der Vorverkauf beginnt am 10. Januar 2021 und ab dann werden wir immer täglich eine Stunde lang etwas zum Inhalt der Festivalwoche sagen. Wir wollen die Filmschaffenden und die nominierten Schauspieler*innen vorstellen und schon mal etwas Vorfreude auf das kommende Festival wecken.

Darüber hinaus werden die Eröffnung und die Preisverleihung auf unserer Streaming-Plattform als kostenloser Stream angeboten werden. Nur für den Eröffnungsfilm selbst wird sozusagen nachgelagert ein Ticket benötigt. So möchten wir allen einen Einstieg ermöglichen, eine Woche in das Festival abtauchen zu können. Deshalb haben wir das Festival auch um einen Tag verlängert. Am Sonntagabend, den 17. Januar, findet die Eröffnung statt und ab Montagmorgen, den 18. Januar.21, stellen wir um 10 Uhr das gesamte Programm für die Woche online. So hat man Gelegenheit, sich die Woche mit seinem Wunschprogramm einzuteilen. Über das Programm hinaus, wird es auf unserem Web-Kanal zu jedem Film ein Filmgespräch, die SR-Talks und weitere Themengespräche geben. Wir werden auch Möglichkeit bereitstellen, Gespräche zwischen den Filmschaffenden und den Zuschauenden online abzuhalten.

Die 42. Ausgabe des Filmfestivals Max Ophüls Preis findet vom 17. bis 24. Januar 2021 statt. Jede Festivalplanung bedarf einer Menge Spontanität, denn auf alle Gegebenheiten vorbereiten kann man sich ja leider nie. Jedoch sehen wir gerade, wie sich die Situation täglich ändern kann. Wie plant ihr in der Krise? Und worauf bereitet ihr euch vor?

Wir haben uns Ende November final für das Szenario entschieden, das ein reines Onlinefestival vorsieht. Wir haben davor insgesamt sechs Konzepte erarbeitet und diese auch immer wieder angepasst und neu kalkuliert. Das Spektrum reichte von einer eher normalen Ausgabe über mittlerer und kleinerer Veranstaltungsgröße bis hin zur Online-Version und zur Absage.

Svenja Böttger. Foto Oliver Dietze

Die meisten Filmeinreichungen wurden wahrscheinlich Pre-Pandemie abgedreht. Hat jedoch trotzdem der ein oder andere Film mit Covid-19-Schwerpunkt seinen Weg zu euch gefunden?

Wir sind noch mitten in der Auswahl, aber bei Spiel-und Dokumentarfilm definitiv nicht, da diese meist eine Vorlaufzeit von 2-3 Jahren haben. Bei Kurz- und Mittellang auch noch nicht so wirklich. Ich denke das kommt alles 2021. Aus unserer Reihe MOP-Visionen, in der wir uns narrativen Formaten außerhalb des Kinos annähern, möchten wir nun Inhalte wie z.B. Webserien in unseren linearen Online-Kanal integrieren. Da gibt es ja bereits ein paar, die die jungen Filmemacher*innen während der Krise entwickelt und eben diesen Schwerpunkt verarbeitet haben.

Und was wir auch noch betonen wollen ist, dass nicht nur der aktuelle Jahrgang von der Krise betroffen ist, sondern auch der zurückliegende. 2020 waren wir neben der Berlinale das einzige Filmfestival, das überhaupt noch regulär laufen konnte. Deshalb wollten wir auch nochmal gerne die Wege zeigen, die die Filme der 41. Ausgabe gegangen sind. Was wollen die Filmemacher*innen selbst in dieser Krise? Wie sieht denn jetzt das neue Normal aus? Und ich finde, das darf man auch nur mit den Filmschaffenden gemeinsam entscheiden und nicht über diese hinweg.

Gibt es trotz all der Vorbereitung auch jetzt schon Dinge, auf die du dich bei der kommenden Festivalausgabe freust?

Ich glaube, worüber ich mich jetzt schon am meisten freue, ist, dass wir etwas zum Leben erwecken. Zu zeigen, dass diese Filmszenequicklebendig ist, dass der Nachwuchseine Stimme hat, die gehört werden möchte und darauf brennt, seine Werke zu zeigen. Ich freue mich darauf, dass wir ihnen deutschlandweit eine Präsentationsplattform anbieten können, auf der wir die Filmkunst hochhalten.

Und ich glaube auch einfach auf dieses Adaptieren in den Onlinebereich. Zu schauen, funktioniert das eigentlich, was wir uns da überlegt haben, können wir damit unseren Auftrag auch erfüllen, die Filmschaffenden mit dem Publikum zu verbinden und ihnen einen weiteren Schritt in ihrer Karriere zu ebnen? Darüber freuen wir uns.

Interview: Antonia Weber Bild: Oliver Dietze, Sebastian Woithe